Zwischen Ende und Anfang

Zwischen Ende und Anfang

Warum verantwortliches Handeln keine Gewissheit über die Zukunft braucht

Es war ein Gespräch über Endlichkeit, das sich sehr schnell als Gespräch über Gegenwart erwies.

Im Linzer Brucknerhaus trafen im Rahmen der Klangwolkenwochen Renata Schmidtkunz und Milo Rau aufeinander. Das Generalthema des heurigen Brucknerfestes – die Endlichkeit – erhielt unter dem programmatischen Motto „LINZ ATTHEEND“ dabei eine ausgesprochen politische Kontur. Endlichkeit wurde nicht abstrakt verhandelt, nicht als philosophische Kategorie fern der Welt, sondern an Entwicklungen festgemacht, deren Ausgang offen und deren Tragweite dennoch bereits spürbar ist.

Die revolutionären Veränderungen durch künstliche Intelligenz kamen zur Sprache, die Verschiebung geopolitischer Machtverhältnisse, Kriege und das mögliche Ende jener relativ friedvollen europäischen Epoche, die lange als selbstverständlich erschien. Es ging um demokratische Ordnungen, deren Stabilität plötzlich weniger gesichert wirkt, um politische Erdrutsche und um die Frage, welche Formen staatlicher und gesellschaftlicher Ordnung sich derzeit herausbilden. Milo Rau sprach, bewusst zugespitzt, auch über Israel und die Gefahr eines entstehenden Apartheidstaates.

Ein Satz, den Schmidtkunz aus einem früheren Gespräch mit einem DDR-Intellektuellen mitbrachte, verdichtete diese unterschiedlichen Beobachtungen auf eigentümliche Weise. Sinngemäß hatte dieser gesagt: Wenn er früher aus dem Fenster seines Lokals geblickt habe, habe er auf eine Nachkriegsgeneration gesehen. Heute habe er das Gefühl, einer Vorkriegsgeneration gegenüberzusitzen.

Es ist ein verstörendes Bild.

Nicht, weil es eine Prognose sein müsste. Sondern weil es etwas über die Wahrnehmung einer Gegenwart erzählt, in der Gewissheiten brüchig geworden sind. Eine Ordnung, die noch besteht, wird bereits von der Ahnung ihres möglichen Endes begleitet.

Als Schmidtkunz Rau schließlich fragte, wie man einer solchen Situation begegnen könne, fiel seine Antwort bemerkenswert knapp aus:

Indem wir im Jetzt leben.

Das könnte wie eine Ausweichbewegung klingen. Angesichts von Krieg, technologischen Umbrüchen und demokratischer Fragilität geradezu zu klein.

Darin liegt jedoch eine wesentlich anspruchsvollere Antwort.

Denn was wäre die Alternative?

Die Vergangenheit können wir nicht zurückholen. Die Zukunft können wir nicht kennen. Und dennoch müssen wir handeln.

Genau zwischen diesen beiden Sätzen beginnt Verantwortung.


Die Zumutung des Endlichen

Wir sprechen gerne von Wandel.

Wandel klingt beweglich. Entwicklungsoffen. Mitunter sogar verheißungsvoll. Organisationen befinden sich im Wandel, Gesellschaften verändern sich, Technologien entwickeln sich weiter. Das Wort lässt offen, ob etwas wirklich verloren geht.

Endlichkeit ist anspruchsvoller.

Sie erinnert daran, dass Veränderung nicht immer reversibel ist.

Beziehungen können so beschädigt werden, dass eine Rückkehr zur früheren Form nicht mehr möglich ist. Institutionen können Vertrauen verlieren. Politische Ordnungen können zerbrechen. Ein Unternehmen kann nach einem Generationenwechsel ein anderes sein als zuvor. Technologische Entwicklungen können Handlungsmöglichkeiten hervorbringen, die sich nicht wieder aus der Welt schaffen lassen.

Nicht jeder Wandel ist deshalb Entwicklung.

Nicht jedes Ende führt notwendig zu einem besseren Anfang.

Und nicht alles, was einmal verloren ist, kann später wiederhergestellt werden.

Wer Endlichkeit ernst nimmt, kann sich deshalb weder mit Katastrophismus noch mit Fortschrittsgewissheit zufriedengeben.

Der eine weiß schon, dass alles verloren ist.

Der andere weiß schon, dass sich letztlich alles zum Guten wenden wird.

Beide beanspruchen Wissen über eine Zukunft, die ihnen nicht zur Verfügung steht.

Dazwischen liegt eine schwierigere Haltung:

die Möglichkeit des Scheiterns wahrzunehmen und dennoch handlungsfähig zu bleiben.


Im Jetzt leben

Raus Satz erhält vor diesem Hintergrund eine andere Bedeutung.

Im Jetzt zu leben hieße dann gerade nicht, die Zukunft auszublenden.

Es hieße, sie nicht vorwegzunehmen.

Denn Verantwortung entsteht nicht daraus, dass wir den Ausgang kennen. Sie entsteht daraus, dass wir unter Bedingungen begrenzten Wissens entscheiden müssen, was jetzt zu tun oder zu unterlassen ist.

Das Jetzt ist der einzige Zeitpunkt, an dem Wahrnehmung, Entscheidung und Handlung zusammentreffen.

Vergangenes kann verstanden, erinnert und unterschiedlich gedeutet werden.

Zukünftiges kann erwartet, befürchtet, erhofft und vorbereitet werden.

Verantwortet werden kann nur gegenwärtiges Handeln.

An dieser Stelle berührt die Frage nach Endlichkeit unmittelbar die mediative Praxis.

Denn auch Mediation beginnt regelmäßig in Situationen, in denen eine bisherige Ordnung nicht mehr trägt und eine neue noch nicht entstanden ist.

Eine Ehe wird möglicherweise beendet.

Geschwister müssen nach dem Tod ihrer Eltern eine neue Beziehung zueinander finden.

In einem Familienunternehmen tritt eine Generation zurück, während die nächste ihre Rolle noch sucht.

Eine Zusammenarbeit ist gescheitert, ohne dass bereits klar wäre, ob und unter welchen Bedingungen sie fortgesetzt werden kann.

Mediation bewegt sich damit häufig genau zwischen Ende und Anfang.

Sie ist deshalb weniger ein Verfahren zur Herstellung von Lösungen als eine professionelle Praxis des Übergangs.


Was endet hier eigentlich?

Der erste Beitrag einer mediativen Haltung besteht dabei nicht in Hoffnung.

Er besteht in Genauigkeit.

Im Ad_Monter Meta Modell beginnt die Bewegung mit c-it¹, mit der Hinwendung zum Gegenstand.

Was geschieht tatsächlich?

Was ist beobachtbar?

Was wird von den Beteiligten unterschiedlich wahrgenommen?

Was ist bereits entschieden – und was erscheint lediglich unausweichlich?

Diese Unterscheidungen sind gerade in Zeiten großer Verunsicherung bedeutsam.

Menschen neigen dazu, Wahrnehmung und Prognose miteinander zu verbinden.

Aus einer Veränderung wird dann schnell das Ende.

Aus einer Befürchtung eine Tatsache.

Aus einer gegenwärtigen Entwicklung eine vermeintliche historische Notwendigkeit.

Mediative Praxis kann dem eine epistemische Zurückhaltung entgegensetzen.

Nicht indem sie Gefahren relativiert.

Sondern indem sie genauer fragt.

Was wissen wir? Was vermuten wir? Was befürchten wir? Und was erklären wir bereits für unausweichlich?

Diese Unterscheidung verändert noch keine Wirklichkeit.

Sie verändert aber die Bedingungen, unter denen über Wirklichkeit gesprochen und in ihr gehandelt wird.


Was verliere ich?

Die zweite Bewegung führt tiefer.

Endlichkeit ist selten nur ein äußerer Vorgang.

Wenn etwas endet, endet häufig auch etwas in unseren Vorstellungen von uns selbst.

Eine Funktion.

Ein Status.

Eine vertraute Rolle.

Eine Erwartung.

Ein Bild davon, wie das eigene Leben oder die eigene Gesellschaft funktionieren sollte.

Die Bewegung c-me fragt deshalb nicht zuerst danach, welche Lösung gefunden werden kann.

Sie fragt:

Was bedeutet das für mich?

Gerade hier zeigt sich ein Teil jener gesellschaftlichen Dynamik, die in politischen Debatten so schwer zugänglich wird.

Hinter Positionen stehen nicht ausschließlich Argumente.

Dort stehen auch Erfahrungen von Kontrollverlust, Kränkung und Unsicherheit. Dort stehen Abstiegsängste, Erwartungen, biografische Prägungen und Vorstellungen darüber, was selbstverständlich bleiben sollte.

Das macht diese Positionen nicht automatisch richtig.

Aber ohne ihre Bedeutung zu verstehen, lassen sie sich kaum angemessen bearbeiten.

Auch der Satz von der vermeintlichen Vorkriegsgeneration erhält hier seine Tiefe.

Er beschreibt weniger eine objektive historische Einordnung als eine Erfahrung:

Die Welt sieht plötzlich wieder anders aus.

Und mit ihr verändert sich die eigene Position in dieser Welt.

Mediative Selbstklärung bedeutet deshalb nicht Beruhigung.

Sie bedeutet, unterscheiden zu lernen:

Was geschieht?

Und was geschieht mit mir angesichts dessen?


Nicht für alle endet dasselbe

Damit öffnet sich die Bewegung zu c-us.

Denn gesellschaftliche Übergänge besitzen keine einheitliche Bedeutung.

Was für einen Menschen Verlust bedeutet, kann für einen anderen Befreiung sein.

Das Ende einer Ordnung kann Privilegien beseitigen – und Sicherheit zerstören.

Technologische Veränderung kann neue Möglichkeiten eröffnen – und vertraute berufliche Identitäten infrage stellen.

Eine Generation kann einen gesellschaftlichen Wandel als Fortschritt erleben, während eine andere darin den Verlust jener Welt erkennt, in der sie gelernt hat, sich zu orientieren.

Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, möglichst rasch eine gemeinsame Erzählung herzustellen.

Das wäre womöglich gerade wieder eine Form der Deutungshoheit.

Mediative Begegnung ermöglicht etwas anderes:

unterschiedliche Erfahrungen derselben Gegenwart miteinander in Beziehung zu bringen, ohne ihre Verschiedenheit vorschnell aufzulösen.

Das ist mehr als Gesprächstechnik.

Es ist eine demokratische Fähigkeit.

Denn demokratische Gesellschaften müssen nicht nur unterschiedliche Vorstellungen der Zukunft aushalten.

Sie müssen aushalten können, dass ihre Mitglieder bereits die Gegenwart unterschiedlich erleben.


Gestalten ohne Garantie

Erst danach führt die Bewegung zu c-it².

Zur Gestaltung.

Für den Umgang mit einer offenen Zukunft ist diese Unterscheidung zentral.

Gestaltung verlangt keine Gewissheit darüber, dass eine Entscheidung zum gewünschten Ergebnis führen wird.

Sie verlangt vielmehr, dass wir begründen können, warum ein bestimmter Schritt unter den gegenwärtigen Bedingungen verantwortbar erscheint.

Das verändert die Vorstellung von Hoffnung.

Václav Havel wird der Satz zugeschrieben:

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Unabhängig davon, wie stark man die Formulierung philosophisch auslegen möchte, bezeichnet sie einen wichtigen Unterschied.

Optimismus richtet sich auf den Ausgang.

Verantwortung richtet sich auf das Handeln.

Der Optimist sagt:

Es wird schon gutgehen.

Verantwortliches Handeln sagt:

Ich weiß nicht, wie es ausgehen wird. Aber ich kann prüfen, was unter diesen Bedingungen zu tun ist.

Gerade darin liegt eine Verbindung zur Verantwortungsethik.

Je größer die möglichen Folgen unseres Handelns werden, desto weniger dürfen wir Gewissheit vorspiegeln.

Das gilt für den Einsatz künstlicher Intelligenz ebenso wie für politische Entscheidungen, ökologische Fragen, Unternehmensnachfolge oder den Umgang mit einem eskalierten Konflikt.

Nichtwissen entbindet nicht von Verantwortung.

Es verändert lediglich ihre Form.


Die Kunst des Übergangs

Eine bislang unterschätzte Leistung der Mediation besteht deshalb darin, Übergänge auszuhalten, bevor sie gestaltet werden.

Das klingt zunächst nach Verzögerung.

Tatsächlich ist es das Gegenteil.

Es verhindert lediglich, dass wir die Unsicherheit des Übergangs durch vorschnelle Lösungen beseitigen wollen.

Zwischen einer Ordnung, die nicht mehr trägt, und einer Ordnung, die noch nicht entstanden ist, liegt ein Raum.

Dieser Raum kann Angst machen.

Er kann aber auch Erkenntnis ermöglichen.

Hier kann sichtbar werden, was bewahrt werden soll.

Was tatsächlich verabschiedet werden muss.

Was nicht mehr zurückkehren wird.

Und was erstmals entstehen könnte.

A_MMM versteht diesen Raum deshalb nicht als leere Zwischenzeit.

Die Bewegung von Verstehen – Begegnen – Gestalten ist gerade eine Möglichkeit, in ihm handlungsfähig zu bleiben, ohne den Ausgang vorwegzunehmen.

Das unterscheidet verantwortliche Gestaltung sowohl von Fatalismus als auch von Wunschdenken.

Fatalismus sagt: Wir können ohnehin nichts tun.

Wunschdenken sagt: Es wird sich schon fügen.

Mediative Haltung fragt:

Was ist jetzt der nächste verantwortbare Schritt?


Am Ende des Abends im Brucknerhaus bat Renata Schmidtkunz den 1977 geborenen Milo Rau, ein Gedicht des hundert Jahre vor ihm geborenen Hermann Hesse zu lesen: „Stufen“.

Es war ein versöhnlicher Abschluss, ohne das zuvor Gesagte zu widerrufen.

Denn Hesses Gedicht verspricht nicht, dass jeder Neubeginn gelingt.

Es erinnert vielmehr daran, dass menschliches Leben an Übergänge gebunden ist – und dass Festhalten allein Endlichkeit nicht aufheben kann.

Darin liegt auch eine Antwort auf die Frage dieses Abends.

Wir müssen nicht wissen, was nach einem Ende kommen wird.

Wir sollten aber unterscheiden können, was endet, was wir bewahren wollen und wofür wir jetzt Verantwortung übernehmen können.

Zwischen Ende und Anfang liegt keine Gewissheit.

Aber Gegenwart.

Und in ihr beginnt Verantwortung.