Habitus im Konflikt

Habitus im Konflikt

Bourdieu und die zweite Aufmerksamkeit mediatorischer Wahrnehmung

In mediativen Prozessen begegnen einander selten nur Positionen. Auch wenn ein Konflikt zunächst als Streit über Geld, Verantwortung, Zuständigkeit, Nachfolge, Strategie oder Anerkennung erscheint, sitzt meist mehr mit am Tisch. Es begegnen einander Arten zu sprechen, zu schweigen, zu bewerten, sich zu schützen, Autorität zu zeigen, Verletzlichkeit zu vermeiden oder Zugehörigkeit zu markieren.

Der Konfliktgegenstand ist sichtbar.
Der Habitus wirkt darunter.

Pierre Bourdieu hat mit dem Begriff des Habitus eine Denkfigur geschaffen, die für Mediation und Prozessbegleitung von großer Bedeutung ist. Nicht, weil Mediator:innen zu Soziolog:innen werden müssten. Sondern weil der Habitus hilft, eine Tiefenschicht konflikthaften Geschehens wahrzunehmen: jene verkörperten Selbstverständlichkeiten, aus denen Menschen handeln, urteilen und reagieren, ohne sie ausdrücklich begründen zu müssen.

Der Habitus ist keine bloße Meinung. Er ist auch nicht einfach Persönlichkeit. Er ist gewordene Geschichte im Körper, in der Sprache, in der Haltung, im Geschmack, im Timing, in den spontanen Bewertungen. Er zeigt sich darin, was jemand für angemessen, würdig, peinlich, loyal, professionell oder undenkbar hält.

In der Mediation sitzt er deshalb von Anfang an mit am Tisch. Zunächst oft unauffällig, als stille Ordnung des Selbstverständlichen. Sichtbar wird er vor allem an den Bruchstellen: dort, wo eine Geste nicht als respektvoll, ein Schweigen nicht als loyal, eine Frage nicht als zulässig oder eine Entscheidung nicht als legitim erlebt wird.

Ein Vater sagt:

„Solange ich die Haftung trage, kann ich nicht jede Entscheidung zur Familienfrage machen.“

Die Tochter antwortet:

„Aber solange jede Familienfrage als Störung der Führung gilt, bleibt Nachfolge nur ein Wort.“

Oberflächlich geht es um Entscheidungsgeschwindigkeit. Tatsächlich begegnen einander zwei soziale Grammatiken. Der Vater spricht aus einem Habitus, in dem Verantwortung durch Haftung, Führung und Entscheidungsfähigkeit bewiesen wird. Die Tochter spricht aus einem Habitus, in dem Verantwortung ohne Beteiligung, Rollenklärung und Anerkennung der familiären Folgen nicht legitim erscheint.

Der Konflikt liegt also nicht nur im Inhalt der Entscheidung. Er liegt in der Frage, welche Form von Weltzugang als legitim gilt.

Das Selbstverständliche als Konfliktstoff

Für die mediatorische Wahrnehmung sind Sätze besonders aufschlussreich, die mit einem unausgesprochenen „natürlich“ beginnen:

„So macht man das.“
„Das gehört sich nicht.“
„Wer Verantwortung trägt, darf nicht zaudern.“
„In unserer Familie spricht man darüber nicht.“
„Verträge braucht man nur, wenn man einander nicht vertraut.“
„Kompetenz muss wichtiger sein als Abstammung.“
„Eigentum verpflichtet.“
„Am Ende muss einer entscheiden.“

Solche Sätze sind nicht bloß Meinungen. Sie sind Hinweise auf eine Ordnung des Selbstverständlichen. Bourdieu würde hier von Doxa sprechen: jenem Bereich des sozialen Lebens, der nicht mehr als Standpunkt erscheint, sondern als Wirklichkeit selbst. Doxa ist das, was im jeweiligen Feld nicht begründet werden muss, weil es dort als selbstverständlich gilt.

Gerade in Konflikten wird Doxa sichtbar. Denn Konflikte entstehen häufig dort, wo jemand eine Selbstverständlichkeit verletzt, ohne zu begreifen, dass damit nicht nur eine Meinung, sondern eine ganze symbolische Ordnung berührt wird.

In Unternehmerfamilien kann das heißen: Für die eine Seite ist klar, dass das Unternehmen in der Familie bleiben muss. Für die andere ist klar, dass Kompetenz vor Blutsverwandtschaft geht. Für die eine Seite ist Loyalität ein stilles Mittragen. Für die andere ist Loyalität die Bereitschaft, kritische Fragen zu stellen. Für die eine Seite ist Gleichbehandlung Ausdruck von Gerechtigkeit. Für die andere ist Unterschiedlichkeit Ausdruck von Verantwortung.

Der Streit lautet dann vielleicht: „Wer bekommt welche Rolle?“
Darunter liegt aber eine tiefere Frage: „Welche Ordnung von Zugehörigkeit, Leistung und Anerkennung gilt hier?“

Wenn Habitus unsichtbar bleibt

Wo Habitus unsichtbar bleibt, wird Differenz schnell moralisiert.

Der Entscheidungsstarke deutet Reflexion als Ausweichen.
Die Reflexive deutet Entschlusskraft als Übergehen.
Der Jurist deutet Offenheit als Unschärfe.
Die Mediatorin deutet Absicherung als Verengung.
Die Unternehmerin deutet Sorgfalt als Blockade.
Der Stiftungsvorstand deutet Initiative als Risiko.

In solchen Zuschreibungen wird die andere Seite nicht mehr als anders geprägt, sondern als defizitär wahrgenommen. Der fremde Habitus erscheint nicht als andere verkörperte Geschichte, sondern als Charakterfehler.

Hier liegt eine zentrale Aufgabe mediatorischer Prozessbegleitung. Sie muss nicht jede Differenz auflösen. Aber sie kann helfen, Differenz lesbar zu machen. Nicht im Sinne einer Entschuldigung. Sondern im Sinne einer Verstehbarkeit, die Bewegung ermöglicht.

Ein wichtiger Kernsatz lautet daher:

Wo Habitus unsichtbar bleibt, erscheint Differenz als Charakterfehler. Wo er sichtbar wird, kann Differenz verhandelbar werden.

Feld: In welchem Spiel befinden wir uns?

Bourdieu denkt den Habitus nie isoliert. Der Habitus wirkt immer in einem Feld. Ein Feld ist ein sozialer Raum mit eigenen Regeln, eigenen Machtverhältnissen, eigenen Währungen und eigenen Anerkennungsformen.

Für Mediation ist diese Denkfigur hoch relevant. Denn viele Konflikte entstehen gerade deshalb, weil mehrere Felder gleichzeitig wirksam sind.

In einer Unternehmerfamilie sind mindestens drei Felder aktiv: Familie, Unternehmen und Eigentum. Dazu können weitere Felder kommen: Recht, Stiftung, Steuerberatung, Vermögensverwaltung, Öffentlichkeit, Region, Tradition, Religion, Politik oder Bildung.

Jedes Feld stellt eigene Fragen.

Die Familie fragt:
„Wer gehört dazu? Wer wird gesehen? Wer wurde verletzt? Wer trägt Geschichte?“

Das Unternehmen fragt:
„Wer entscheidet? Wer kann führen? Was ist wirtschaftlich sinnvoll? Was sichert Zukunft?“

Das Eigentum fragt:
„Wem steht was zu? Wer trägt Risiko? Wer darf verfügen? Was bedeutet Verantwortung über Generationen?“

Das Recht fragt:
„Was ist geregelt? Was ist durchsetzbar? Was ist haftungssicher?“

Die Mediation fragt:
„Was muss verstanden, ausgesprochen und gestaltet werden, damit ein tragfähiger nächster Schritt möglich wird?“

Wenn Beteiligte aus unterschiedlichen Feldern sprechen, verwenden sie oft dieselben Wörter, meinen aber Verschiedenes. „Verantwortung“ bedeutet im Familienfeld etwas anderes als im Unternehmensfeld. „Gerechtigkeit“ klingt im Eigentumsfeld anders als im Beziehungsfeld. „Loyalität“ hat im Kreis der Geschwister eine andere Färbung als im Kreis der Gesellschafter:innen.

Die mediatorische Kunst besteht darin, diese Feldwechsel zu hören.

Nicht nur: Was sagt jemand?
Sondern: Aus welchem Feld heraus wird gesprochen?
Welche Spielregeln werden vorausgesetzt?
Welche Form von Kapital zählt in diesem Moment?

Kapital: Was zählt im Raum?

Bourdieu unterscheidet verschiedene Formen von Kapital. Für die Mediation ist dieser Gedanke besonders hilfreich, weil er Macht jenseits formaler Entscheidungskompetenz sichtbar macht.

Kapital ist nicht nur Geld. In Konflikträumen wirken auch:

Ökonomisches Kapital: Vermögen, Anteile, Einkommen, Verfügungsmacht.
Kulturelles Kapital: Bildung, Sprache, Fachwissen, Titel, Stil.
Soziales Kapital: Netzwerke, Nähe, Bündnisse, Zugehörigkeiten.
Symbolisches Kapital: Ansehen, Name, Seniorität, Opfergeschichte, moralische Autorität, Gründerstatus, Familientradition.

Gerade symbolisches Kapital prägt mediative Räume stark. Wer „immer da war“, besitzt anderes Gewicht als jemand, der neu dazukommt. Wer den Gründer gepflegt hat, spricht mit anderer moralischer Autorität als jemand, der das Unternehmen wirtschaftlich weiterentwickelt. Wer juristisch geschult ist, kann durch Sprache Dominanz erzeugen, ohne laut zu werden. Wer emotional verletzt wurde, kann durch Leid eine starke Deutungsmacht gewinnen.

Das ist nicht per se illegitim. Aber es muss wahrgenommen werden.

Eine Prozessbegleitung, die nur auf formale Rollen schaut, übersieht leicht, wer den Raum tatsächlich strukturiert. Manchmal entscheidet nicht, wer die Mehrheit der Anteile hält, sondern wer bestimmen kann, welche Geschichte über die Familie erzählt wird. Manchmal führt nicht, wer Geschäftsführer ist, sondern wer im Familiengedächtnis als „eigentlich berechtigt“ gilt. Manchmal blockiert nicht das Sachargument, sondern die Angst, symbolisches Kapital zu verlieren.

Die Frage lautet dann nicht nur: Wer hat Macht?
Sondern genauer: Welche Form von Kapital wird hier als legitime Macht anerkannt?

Symbolische Macht und Beschämung

In Konflikten wirkt symbolische Macht oft subtil. Sie zeigt sich darin, dass eine bestimmte Sprache als vernünftig gilt und eine andere als emotional. Dass juristische Präzision als professionell erscheint und beziehungsorientierte Sprache als weich. Dass unternehmerische Härte als realistisch gilt und zögernde Selbstklärung als unreif. Oder umgekehrt: Dass Reflexion als moralisch überlegen gilt und operative Entscheidungskraft als roh.

Symbolische Macht entscheidet darüber, welche Ausdrucksform im Raum Würde bekommt.

Damit berührt Bourdieu einen empfindlichen Punkt der Mediation: Beschämung. Verletzend ist nicht nur, was ausdrücklich gesagt, gefordert oder entschieden wird. Beschämend wirkt oft schon, dass die eigene Weise, Welt zu ordnen, im Raum als minderwertig erscheint. Wer die Sprache des dominanten Feldes nicht spricht, wirkt schnell unprofessionell, naiv, kompliziert oder irrational.

Hier braucht es besondere Aufmerksamkeit der Mediatorin. Sie muss nicht alle Ausdrucksformen gleich machen. Aber sie muss verhindern, dass eine Sprache den Raum so vollständig besetzt, dass andere Erfahrungen nicht mehr sagbar werden.

Mediatorische Allparteilichkeit schützt damit nicht nur die Beteiligten. Sie schützt auch die Möglichkeit, dass unterschiedliche soziale Grammatiken einander erreichen.

Nicht jede Stimme spricht in derselben Form. Nicht jede Erfahrung tritt als Argument auf. Nicht jedes Wissen erscheint als Expertise. Manche Wahrheit kommt als Zögern. Manche Kompetenz als Schweigen. Manche Grenze als Ärger. Manche Bindung als Widerstand.

Die Kunst liegt darin, diese Ausdrucksformen nicht vorschnell zu sortieren in sachlich und unsachlich, stark und schwach, reif und unreif.

Fragen, die den Habitus sichtbar machen

In der Mediation wird man selten mit Begriffen wie Habitus, Feld oder Doxa arbeiten. Die Theorie bleibt im Hintergrund. Im Prozess selbst braucht es eine Sprache, die öffnet und nicht etikettiert.

Hilfreiche Fragen sind etwa:

„Woran zeigt sich für Sie in dieser Situation verantwortliches Handeln?“
„Woran erkennen Sie, dass jemand diese Rolle wirklich ausfüllen kann?“
„Woran merken Sie im Gespräch, dass Ihre Sicht ernst genommen wird?“
„Welche Themen oder Worte verlangen hier besondere Vorsicht?“
„Wofür bekommt man in diesem System Anerkennung — und wofür eher nicht?“
„Welche Position muss hier besonders gut begründet werden, damit sie gehört wird?“
„Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Führung und Übergehen?“
„Wann braucht es Tempo — und wann braucht es Innehalten?“
„Auf welches Wissen wird hier besonders gehört?“
„Welche Sprache hat in diesem Raum besonderes Gewicht?“
„Was braucht es, damit dieses Thema klar besprochen werden kann, ohne jemanden bloßzustellen?“

Solche Fragen entlarven nicht. Sie machen beobachtbar. Sie helfen den Beteiligten, das eigene Selbstverständliche als gewordene Ordnung wahrzunehmen — nicht als zwingende Wahrheit.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Mediation will den Habitus nicht zerstören. Sie will ihn wahrnehmbar, befragbar und dadurch beweglicher machen.

Habitus und das Ad_Monter Meta Modell

Im Kontext des Ad_Monter Meta Modells lässt sich Bourdieus Habitusbegriff besonders gut entlang der Prozesslogik c-it¹ → c-me → c-us → c-it² aufnehmen.

c-it¹: Den Gegenstand klären

Am Anfang steht nicht die vorschnelle Psychologisierung der Beteiligten. Zunächst wird der Gegenstand geklärt. Welcher Konfliktgegenstand wird von den Beteiligten benannt? Über welchen Anspruch, welche Entscheidung, welche Rolle, welches Ereignis oder welche Regelung wird gestritten?

Die habitussensible Erweiterung dieser Klärung fragt nicht sofort nach Motiven oder Charakterzügen. Sie fragt nach der sozialen Ordnung, in der der Gegenstand Bedeutung erhält:

In welchem Feld entsteht dieser Konflikt?
Welche Selbstverständlichkeiten sind in das Thema eingeschrieben?
Welche Formen von Einfluss, Anerkennung oder Zugehörigkeit stehen mit auf dem Spiel?
Welche Ordnung gerät ins Wanken?

Ein Konflikt über Nachfolge ist dann nicht nur ein Konflikt über Führung. Er kann zugleich ein Konflikt über Anerkennung, Herkunft, Opfer, Bildungswege, Geschlechterrollen, Seniorität oder die Deutung des Gründerwillens sein. Ein Streit über eine Rolle berührt dann nicht nur Zuständigkeit, sondern auch die Frage, wer in diesem System Gewicht hat, wer gehört wird und welche Geschichte als legitim gilt.

c-it¹ fragt daher nicht nur: „Was ist das Thema?“
Sondern auch: „Welche Ordnung zeigt sich im Thema?“

c-me: Selbstklärung

Der Habitus wird besonders bedeutsam in der Selbstklärung. Beteiligte können beginnen zu unterscheiden:

Was sehe ich?
Was bewerte ich?
Was halte ich für selbstverständlich?
Welche Sprache löst in mir sofort Widerstand aus?
Welche Geste lese ich als Respektlosigkeit?
Welche Form von Unsicherheit kann ich schwer ertragen?
Welche Geschichte meines eigenen Werdens spricht mit?

Selbstklärung heißt hier nicht Selbstanklage. Es geht nicht darum, den eigenen Habitus als Fehler zu betrachten. Es geht darum, ihn als gewordene Ordnung wahrzunehmen.

Selbstklärung beginnt selten mit fertigen Einsichten. Zunächst zeigen sich eher spontane Reaktionen:

„Wenn wir zu lange reden, habe ich das Gefühl, dass niemand mehr Verantwortung übernimmt.“

Oder:

„Wenn so schnell entschieden wird, bin ich sofort wieder an dem Punkt, an dem ich nur noch zustimmen soll.“

Die mediatorische Arbeit besteht darin, solche Sätze nicht vorschnell als Angriff oder Widerstand zu lesen. Sie können zu Spuren einer Selbstklärung werden. Aus ihnen lässt sich behutsam heraushören, welche Ordnung von Verantwortung, Beteiligung oder Anerkennung berührt ist.

Erst später kann daraus eine klarere Selbstbeschreibung entstehen:

„Ich merke, dass ich Verantwortung stark mit Entscheidungsfähigkeit verbinde.“

Oder:

„Ich merke, dass mich schnelle Entscheidungen auch deshalb treffen, weil sie alte Erfahrungen des Übergangenwerdens berühren.“

Solche Sätze verändern den Raum. Sie machen aus bloßer Abwehr eine lesbare Selbstbeschreibung.

c-us: Dialogisierung

Im Dialog wird der fremde Habitus nicht übernommen. Er wird auch nicht entschuldigt. Aber er kann in seiner inneren Plausibilität hörbar werden. Die andere Seite erscheint dann nicht mehr nur als Hindernis, Zumutung oder Gefährdung, sondern als Trägerin einer gewordenen Ordnung: einer Art, Verantwortung, Zugehörigkeit, Risiko, Nähe oder Führung zu verstehen.

Das Dialogische beginnt dort, wo eine Äußerung nicht sofort beantwortet, widerlegt oder eingeordnet wird. Für einen Moment bleibt sie stehen. Sie bekommt Raum. Die Beteiligten hören nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, woraus gesprochen wird.

Ein Vater hört dann nicht nur den Einwand der Tochter gegen seine Entscheidung. Er hört die Sorge, wieder erst dann beteiligt zu werden, wenn das Wesentliche bereits feststeht.

Eine Tochter hört nicht nur den bestimmenden Ton des Vaters. Sie hört die Lebensgeschichte eines Menschen, der gelernt hat, dass Verantwortung sich im Ernstfall durch Entscheidung zeigt.

Ein Stiftungsvorstand hört nicht nur das Drängen der Unternehmerin. Er hört den Zukunftswillen, der sich nicht mit bloßer Bestandssicherung zufriedengibt.

Eine Unternehmerin hört nicht nur die rechtliche Vorsicht des Stiftungsvorstands. Sie hört die Treue zu einem Auftrag, der nicht leichtfertig verbraucht werden darf.

So entsteht Dialog nicht dadurch, dass Differenzen verschwinden. Er entsteht dadurch, dass Differenz nicht sofort zur Anklage wird. Der Satz „Sie blockieren“ kann sich verwandeln in:

„Ich erlebe Ihr Zögern als schwer auszuhalten — und möchte verstehen, was Sie darin schützen.“

Der Satz „Sie übergehen mich“ kann sich verwandeln in:

„Wenn so schnell entschieden wird, verliere ich den Anschluss — und damit auch das Gefühl, mitverantwortlich zu sein.“

Dialogisierung heißt dann: Die Beteiligten beginnen, nicht nur ihre Positionen zu vertreten, sondern die Herkunft ihrer eigenen Reaktionen mit in den Raum zu bringen. Sie sprechen nicht mehr nur gegen die andere Ordnung, sondern auch aus der eigenen. Damit wird das Gespräch weniger anklagend und zugleich genauer.

Das bedeutet keine Harmonisierung. Der Dialog muss Differenz nicht auflösen. Aber er verhindert, dass Differenz sofort moralisch abgewertet wird. Er macht es möglich, die andere Seite nicht zu übernehmen und sie dennoch nicht zu entwerten.

c-us ist der Raum, in dem Habitusformen einander nicht verschlingen müssen. Sie werden nebeneinander hörbar, ohne gleich gemacht zu werden. Zwischen ihnen entsteht keine Verschmelzung, sondern eine belastbare Übersetzungszone: ein Raum, in dem das Fremde fremd bleiben darf — und dennoch antwortfähig wird.

c-it²: Gestaltung

Am Ende braucht es Gestaltung. Vereinbarungen müssen sachlich klar, rechtlich tragfähig und praktisch umsetzbar sein. Doch sie tragen nur, wenn sie nicht gegen jene stillen Ordnungen arbeiten, aus denen die Beteiligten Verantwortung, Zugehörigkeit und Würde verstehen.

Eine Lösung, die nur formal korrekt ist, kann später scheitern, wenn sie die symbolischen Ordnungen des Systems ignoriert. Eine Regelung, die eine Seite dauerhaft beschämt, erzeugt Widerstand. Eine Governance-Struktur, die sauber formuliert ist, aber die gewachsenen Anerkennungsformen der Familie nicht berücksichtigt, gewinnt keine soziale Tragfähigkeit.

Habitusbewusste Gestaltung fragt daher:

Welche Lösung wahrt Würde?
Welche Sprache kann von allen mitgetragen werden?
Welche Übergangsrituale braucht der Rollenwechsel?
Welche Form von Anerkennung muss ausgesprochen werden, bevor eine neue Struktur greifen kann?
Welche Entscheidung braucht nicht nur Zustimmung, sondern symbolische Anschlussfähigkeit?

So wird Gestaltung nicht bloß Verhandlungsergebnis, sondern kulturell tragfähige Form.

Mediatorische Wahrnehmung als zweite Aufmerksamkeit

Bourdieu kann Mediator:innen lehren, eine zweite Aufmerksamkeit zu entwickeln.

Die erste Aufmerksamkeit hört Inhalte:

Was wird gesagt?
Welche Position wird vertreten?
Welche Interessen stehen dahinter?

Die zweite Aufmerksamkeit hört Ordnungen:

Welche Selbstverständlichkeiten sprechen mit?
Welche Feldlogik wird aktiviert?
Welche Form von Kapital wird verteidigt?
Welche Sprache gilt als legitim?
Welche Beschämung droht?

Diese zweite Aufmerksamkeit darf nicht diagnostisch hart werden. Sie soll nicht festlegen: „Das ist Ihr Habitus.“ Eine solche Zuschreibung wäre selbst wieder symbolische Gewalt. Der Habitusbegriff ist für die Mediatorin kein Etikett, sondern ein Sensorium.

Er hilft, genauer zu hören.

Nicht: „Sie sind dominant.“
Sondern: „Entscheidungssicherheit scheint für Sie eng mit Verantwortung verbunden zu sein.“

Nicht: „Sie sind empfindlich.“
Sondern: „Es klingt, als ob die Art, wie hier entschieden wird, für Sie auch eine Frage von Anerkennung ist.“

Nicht: „Sie blockieren.“
Sondern: „Ihr Zögern scheint nicht gegen die Sache gerichtet zu sein, sondern gegen eine Form des Vorgehens, in der Sie sich nicht ausreichend gesehen fühlen.“

So wird der Raum weniger beschuldigend. Gleichzeitig wird er präziser.

Schluss: Der Habitus sitzt mit am Tisch

Mediation beginnt oft dort, wo Menschen einander nicht mehr verstehen. Bourdieu erinnert daran, dass dieses Nichtverstehen selten nur ein Mangel an Information ist. Häufig treffen verkörperte Geschichten aufeinander. Menschen handeln aus Ordnungen, die sie nicht vollständig gewählt haben, die ihnen aber vertraut sind. Sie verteidigen nicht nur Interessen, sondern auch Würde, Zugehörigkeit, Anerkennung und die Plausibilität der eigenen Lebensform.

Der Habitus sitzt mit am Tisch, auch wenn niemand ihn eingeladen hat.

Die Kunst mediatorischer Wahrnehmung besteht darin, den Habitus nicht bloßzustellen. Sie besteht darin, das Selbstverständliche so sichtbar zu machen, dass es nicht mehr starr bleiben muss. Dann muss Differenz nicht mehr sofort entwertet werden. Sie kann verstanden, beantwortet und gestaltet werden. Aus Beschämung kann Sprache werden. Aus festgelegter Differenz kann gestaltbare Differenz entstehen.

Mediation arbeitet dann nicht nur am Konfliktgegenstand. Sie arbeitet an der Beweglichkeit sozialer Selbstverständlichkeiten.

Und genau dort beginnt Verwandlung:
nicht dort, wo Menschen ihren Habitus ablegen,
sondern dort, wo sie ihn erkennen, unterbrechen und in Beziehung setzen können.

Weiterführendes Werkheft

Die im Essay entfaltete Denkfigur wird im A_MMM Werkheft Die doppelte Aufmerksamkeit als Arbeitsform weitergeführt.

Das Werkheft übersetzt die Aufmerksamkeit für Sagbarkeit und Selbstverständlichkeit in Prüffragen, Matrizen und Übungen für Mediation, Prozessbegleitung und Ausbildung.


Weiterführende Bezugstexte

Der Essay versteht Bourdieu nicht als theoretische Autorität, die der Mediation äußerlich hinzugefügt werden soll. Er liest seine Texte als Wahrnehmungslinsen für mediative Praxis. Besonders einschlägig sind:

Pierre Bourdieu: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1979. Französisches Original: Esquisse d’une théorie de la pratique, 1972.

Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1982. Französisches Original: La distinction. Critique sociale du jugement, Paris: Les Éditions de Minuit, 1979.

Pierre Bourdieu: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. Französisches Original: Le sens pratique, Paris: Les Éditions de Minuit, 1980.

Pierre Bourdieu: Was heißt sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches. Wien: Braumüller, 1990. Französisches Original: Ce que parler veut dire. L’économie des échanges linguistiques, Paris: Fayard, 1982.