Vertrauen ohne Ergebnisgarantie

Vertrauen ohne Ergebnisgarantie

warum Mediation trotz offener Zukunft möglich wird

Prolog: Der Schritt in den offenen Raum

Eine Mediation beginnt selten an einem Punkt, an dem Vertrauen zwischen den Beteiligten selbstverständlich vorhanden ist.

Häufig führt gerade eine Erfahrung des Vertrauensverlustes Menschen in einen Mediationsprozess: Erwartungen wurden enttäuscht, Gespräche führen nicht mehr weiter, gemeinsame Erfahrungen werden unterschiedlich erinnert und bewertet. Was für die eine Seite nachvollziehbar erscheint, wirkt für die andere möglicherweise unverständlich oder verletzend.

Menschen betreten einen Mediationsraum daher häufig mit einer widersprüchlichen Ausgangslage: Sie möchten eine Situation verändern, deren Veränderbarkeit gerade nicht sicher erscheint. Sie wünschen sich Verständigung, obwohl die bisherigen Erfahrungen möglicherweise eher von Missverständnissen, Enttäuschungen oder festgefahrenen Positionen geprägt waren.

Und dennoch setzen sie sich an einen gemeinsamen Tisch.

Dieser Schritt ist bemerkenswert.

Denn zu diesem Zeitpunkt wissen die Beteiligten nicht, ob der Prozess zu einer Vereinbarung führen wird, ob unterschiedliche Wahrnehmungen einander verständlicher werden oder ob sich neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen.

Die Zukunft bleibt offen.

Gerade darin liegt die besondere Bedeutung von Vertrauen.

Vertrauen wird nicht dort notwendig, wo Sicherheit bereits vorhanden ist. Wo ein Ergebnis feststeht, braucht es kein Vertrauen. Vertrauen wird dort relevant, wo Menschen handeln müssen, obwohl sie nicht wissen können, wie sich eine Situation entwickeln wird.

Der vorliegende Essay entwickelt die Überlegung, dass die besondere Vertrauensleistung der Mediation nicht in der Gewissheit eines bestimmten Ergebnisses liegt, sondern darin, einen Prozess zu ermöglichen, in dem Menschen trotz offener Zukunft handlungsfähig bleiben können.

Damit ist nicht gemeint, dass Hoffnung auf eine Lösung oder der Wunsch nach einer Einigung keine Rolle spielen. Solche Erwartungen können selbstverständlich Teil der Motivation sein, sich auf eine Mediation einzulassen.

Die hier vertretene These ist jedoch, dass professionelle Mediation ihre Verlässlichkeit nicht auf eine Ergebnisgarantie gründen kann.

Der Schritt in eine Mediation ist deshalb nicht ausschließlich ein Vertrauen darauf, dass am Ende eine bestimmte Lösung stehen wird. Ebenso wenig kann er darauf beruhen, dass die andere Seite die eigene Sichtweise übernehmen oder Unterschiede vollständig verschwinden werden.

Ein solches Verständnis würde die Offenheit mediationsförmiger Prozesse verkürzen.

Das Vertrauen, das einen Mediationsprozess ermöglichen kann, richtet sich vielmehr auf die Möglichkeit eines Verfahrens, in dem unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar werden können, ohne dass sie sofort entschieden werden müssen; auf einen Raum, in dem Verständigung möglich wird, ohne dass daraus automatisch Einverständnis entstehen muss; und auf einen Prozess, in dem Menschen trotz offener Zukunft wieder Handlungsmöglichkeiten entwickeln können.

Die zentrale Frage dieses Essays lautet daher:

Welche Form von Vertrauen ermöglicht es Menschen, sich auf einen Prozess einzulassen, dessen Ausgang offen bleibt?

1. Vertrauen heißt nicht Gewissheit

Um diese Frage zu vertiefen, lohnt zunächst ein Blick auf eine grundlegende Einsicht der Vertrauensforschung: Vertrauen wird dort relevant, wo Wissen und Kontrolle nicht ausreichen.

Niklas Luhmanns Überlegungen zum Vertrauen eröffnen hierfür einen wichtigen Denkrahmen. Vertrauen erscheint bei ihm nicht primär als persönliche Eigenschaft oder als bloßes Gefühl, sondern als eine Möglichkeit, unter Bedingungen sozialer Komplexität handlungsfähig zu bleiben.

Soziale Wirklichkeit ist dadurch geprägt, dass mehr Möglichkeiten bestehen, als einzelne Menschen gleichzeitig erfassen, bewerten und kontrollieren können. Besonders deutlich wird dies in der Begegnung mit anderen Menschen.

Andere Menschen bleiben eigenständige Gegenüber mit eigenen Wahrnehmungen, Erwartungen und Entscheidungsmöglichkeiten.

Sie könnten anders handeln.

Sie könnten eine Situation anders verstehen.

Sie könnten andere Entscheidungen treffen.

Gerade diese Offenheit macht soziale Beziehungen möglich – und zugleich unsicher.

Wer mit anderen Menschen interagiert, handelt deshalb immer unter Bedingungen begrenzten Wissens. Erwartungen können sich bestätigen, sie können aber auch enttäuscht werden.

Vertrauen wird dort notwendig, wo diese Unsicherheit nicht vollständig aufgehoben werden kann.

Es beseitigt die Unsicherheit nicht.

Es ermöglicht vielmehr, trotz Unsicherheit zu handeln.

Aus dieser Perspektive ist Vertrauen keine Gewissheit über die Zukunft. Es ist eine Form des Umgangs mit einer Zukunft, die offen bleibt.

Für die Mediation ist diese Perspektive besonders anschlussfähig.

Beteiligte können hoffen, dass ein Gespräch neue Möglichkeiten eröffnet. Sie können darauf vertrauen, dass ein strukturierter Prozess sinnvoll sein kann. Sie können erwarten, dass ihre Perspektiven Raum erhalten.

Aber sie können nicht wissen:

  • ob die andere Seite bereit sein wird, die eigene Perspektive ernsthaft wahrzunehmen,
  • ob unterschiedliche Sichtweisen miteinander in Beziehung gebracht werden können,
  • ob sich neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln,
  • ob am Ende eine gemeinsame Vereinbarung entsteht.

Und dennoch kann eine Entscheidung getroffen werden, diesen Prozess zu beginnen.

Dies bedeutet nicht, dass bereits Vertrauen zwischen den Beteiligten bestehen muss. Gerade in Konflikten kann persönliches Vertrauen beschädigt oder verloren sein.

Es bedeutet zunächst, dass Menschen bereit sind, eine Unsicherheit zuzulassen und sich auf einen Prozess einzulassen, dessen Bedeutung erst im Verlauf sichtbar werden kann.

Vertrauen ist deshalb nicht die Erwartung eines sicheren Ergebnisses. Es ist die Bereitschaft, sich auf einen offenen Prozess einzulassen, in dem Handlungsfähigkeit neu entstehen kann, obwohl ein Ergebnis nicht garantiert werden kann.

2. Das Verfahren trägt, ohne die Zukunft festzulegen

Wenn Vertrauen nicht auf einer Gewissheit über den Ausgang beruhen kann, stellt sich die nächste Frage:

Worauf kann sich Vertrauen dann richten?

Aus der hier entwickelten Perspektive richtet sich Vertrauen in der Mediation nicht primär auf eine bestimmte Zukunft. Es richtet sich auf die Möglichkeit eines Prozesses.

Das bedeutet nicht, dass die Beteiligten keine Hoffnung auf eine Lösung oder eine Einigung haben dürfen. Gerade diese Hoffnung kann ein wichtiger Grund sein, sich auf eine Mediation einzulassen. Sie kann jedoch nicht die Grundlage professioneller Prozessgestaltung bilden, weil das Ergebnis eines solchen Verfahrens offen bleibt.

Mediation garantiert keine Einigung.

Sie garantiert nicht, dass unterschiedliche Bewertungen verschwinden.

Sie garantiert nicht, dass die Beteiligten am Ende dieselbe Sichtweise teilen.

Die besondere Leistung des Verfahrens liegt an einer anderen Stelle.

Es schafft Bedingungen, unter denen Menschen mit einer offenen Situation arbeiten können.

Ein Verfahren gibt einer konflikthaften und unübersichtlichen Situation eine Form. Es schafft Orientierung, ohne die Zukunft vorwegzunehmen.

Die Beteiligten können darauf vertrauen,

dass ihre Perspektiven Raum erhalten,

dass Rollen und Verantwortlichkeiten geklärt sind,

dass nicht bereits eine Seite über die andere entscheidet,

dass Verantwortung nicht an eine dritte Person abgegeben wird.

Das Verfahren nimmt die Unsicherheit nicht weg.

Es macht sie bearbeitbar.

Gerade darin liegt eine besondere Qualität der Mediation: Sie schafft Ordnung, ohne Offenheit zu schließen.

Ein gutes Verfahren macht Zukunft nicht vorhersehbar.

Es macht Zukunft gestaltbar.

Der Bezug zu Luhmann liegt dabei nicht darin, dass Verfahren automatisch Vertrauen erzeugen würden. Eine solche Aussage würde seine Überlegungen verkürzen.

Vielmehr eröffnet Luhmann eine Perspektive darauf, warum soziale Prozesse Formen benötigen, die Handeln unter Bedingungen von Unsicherheit ermöglichen. Verfahren können Erwartungen strukturieren und dadurch eine Grundlage schaffen, auf der Menschen sich trotz verbleibender Ungewissheit beteiligen können.

Mediation entwickelt daraus eine besondere Prozessarchitektur.

Sie erzeugt Verbindlichkeit nicht durch Entscheidungsmacht, sondern durch Beteiligung.

Sie schafft keinen sicheren Ausgang.

Sie schafft einen verlässlichen Raum, in dem ein offener Ausgang bearbeitet werden kann.

Gerade darin liegt ein Unterschied zu Verfahren, deren Legitimität wesentlich auf einer abschließenden Entscheidung beruht.

Ein Gericht oder eine Behörde können Verbindlichkeit durch eine Entscheidung von außen herstellen.

Ein Mediationsverfahren folgt einer anderen Logik: Die Parteien entscheiden aus eigenem Antrieb und eigener Verantwortung. Mediator:innen schaffen den Prozessrahmen, in dem die Parteien diese Entscheidungen entwickeln und treffen können, ohne dass die Mediator:innen sie vorwegnehmen oder ersetzen.

Die besondere Qualität dieses Verfahrens liegt darin, dass diejenigen, die von einer Situation betroffen sind, die weitere Entwicklung ihrer Situation aktiv und eigenverantwortlich gestalten können.

3. Mediator:in als Träger:in eines offenen Prozesses

Wenn Vertrauen nicht auf einem sicheren Ergebnis beruhen kann und das Verfahren selbst lediglich einen Rahmen schafft, stellt sich die nächste Frage:

Worauf kann sich Vertrauen in die Mediator:in richten?

Auch hier gibt es unterschiedliche mögliche Erwartungen.

Beteiligte können mit unterschiedlichen Erwartungen in eine Mediation kommen. Manche verbinden damit möglicherweise die Hoffnung, dass Mediator:innen Klarheit schaffen, zwischen Positionen vermitteln oder eine festgefahrene Situation auflösen. Solche Erwartungen sind Teil der individuellen Perspektive auf den Prozess. Die entscheidende Frage ist jedoch, worauf die professionelle Rolle von Mediator:innen ihre Vertrauenswürdigkeit begründen kann.

Aus dieser Perspektive liegt die besondere Vertrauensleistung von Mediator:innen nicht darin, eine verborgene Lösung zu kennen oder anstelle der Beteiligten eine Entscheidung herbeizuführen.

Wie oben ausgeführt unterscheidet sich Mediation darin von anderen Formen professioneller Beratung.

Mediator:innen tragen Verantwortung für den Prozess, aber nicht für die Entscheidung der Beteiligten.

Ihr Beitrag liegt darin,

  • einen verlässlichen Rahmen zu schaffen,
  • unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden zu lassen,
  • Kommunikation auch dort zu ermöglichen, wo sie zuvor gescheitert ist,
  • den Prozess zu strukturieren, ohne seine Richtung vorzugeben.

Mediator:innen strukturieren, ohne zu steuern.

Sie intervenieren, ohne die Verantwortung zu übernehmen.

Sie geben Orientierung, ohne die Zukunft festzulegen.

Gerade darin liegt die besondere Herausforderung professioneller Prozessführung.

Denn ein offener Prozess benötigt Struktur. Ohne Struktur würde Offenheit leicht in Beliebigkeit oder Überforderung kippen. Gleichzeitig darf Struktur nicht dazu führen, dass Mediator:innen den Prozess inhaltlich übernehmen und damit die Eigenverantwortung der Beteiligten schwächen.

Die Professionalität der Mediator:innen zeigt sich deshalb nicht darin, Unsicherheit zu beseitigen.

Sie zeigt sich darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen mit Unsicherheit arbeiten können.

Darin liegt ein zentrales Paradox:

Mediator:innen werden vertrauenswürdig, indem sie nicht zur Träger:innen der Lösung werden.

Denn würden Mediator:innen die Verantwortung für die Lösung übernehmen, würde genau jene Selbstverantwortung geschwächt, die Mediation ermöglichen soll.

Das Vertrauen in die Mediator:innen richtet sich daher nicht darauf:

„Diese Person wird für uns herausfinden, was die richtige Lösung ist.“

Die hier vertretene Perspektive versteht Vertrauen vielmehr so:

„Diese Person schafft einen Prozess, in dem wir unsere eigenen Wahrnehmungs-, Dialog- und Gestaltungsmöglichkeiten wieder entwickeln können.“

Die Mediator:in wird dadurch nicht zur Garantin eines allseits fairen Ergebnisses.

Sie wird zur Verantwortlichen für einen Prozess, der ein faires Ergebnis ermöglichen kann, ohne es vorwegzunehmen.

Diese Haltung ist jedoch keine Selbstverständlichkeit.

Sie entwickelt sich im Zuge professioneller Ausbildung und Erfahrung.

Die Entwicklung von Mediator:innen besteht nicht allein darin, Methoden, Gesprächstechniken und Verfahrensschritte zu erlernen. Sie umfasst auch eine Veränderung des eigenen Verständnisses von Rolle und Verantwortung.

In der Forschung des A_MMM Institutes zu Lernbewegungen angehender Mediator:innen zeigt sich eine Entwicklungsorientierung, die für diese Frage besonders anschlussfähig ist: die Bewegung von einer unmittelbaren Lösungs- und Entscheidungsorientierung hin zu einer stärkeren Prozess- und Selbstverantwortungsorientierung.

Die Zurücknahme eigener Lösungsansätze bedeutet dabei keinen Verzicht auf Professionalität. Sie eröffnet vielmehr den Raum, in dem Mediand:innen eigene Gestaltungsmöglichkeiten entwickeln und Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen können.

Diese Entwicklung verweist unmittelbar auf die Vertrauensfrage.

Wer andere Menschen durch offene Prozesse begleiten will, muss selbst lernen, Offenheit professionell auszuhalten.

Die Mediator:in muss darauf vertrauen können, dass ein Prozess auch dann weiterführt, wenn noch keine Lösung sichtbar ist.

Sie muss Spannung aushalten können:

zwischen Struktur und Offenheit,

zwischen Intervention und Zurückhaltung,

zwischen fachlichem Wissen und der Anerkennung, dass die entscheidende Gestaltung nicht bei ihr liegt.

Professionelle Prozesskompetenz bedeutet deshalb nicht, immer zu wissen, was als Nächstes geschehen muss.

Sie bedeutet, wahrzunehmen, wann der Prozess eine neue Bewegung braucht – und wann gerade das Offenhalten eines Raumes die entscheidende Intervention ist.

Damit verändert sich auch das Verständnis von Vertrauen in die Mediator:in.

Es ist kein Vertrauen in eine Person, die Unsicherheit beseitigt.

Es ist Vertrauen in eine Person, die einen Umgang mit Unsicherheit ermöglicht.

Eine vertrauenswürdige Mediator:in gibt deshalb keine Sicherheit über die Zukunft.

Sie gibt Vertrauen in die Möglichkeit, mit einer offenen Zukunft umzugehen.

4. Vertrauen als Bewegung durch die Admonter Raute

Bis hierher wurde Vertrauen als Voraussetzung und als Ergebnis einer professionell gestalteten Prozessarchitektur betrachtet.

Aus der Perspektive des Ad_Monter Meta Modells zeigt sich jedoch eine weitere Dimension:

Vertrauen bleibt im Verlauf eines Mediationsprozesses nicht gleich.

Es verändert seinen Bezugspunkt.

Am Beginn kann das Vertrauen zunächst dem Verfahren und dem geschützten Rahmen gelten. Im weiteren Verlauf kann daraus ein Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, in die Möglichkeit von Dialog und schließlich in die eigene Gestaltungskraft entstehen.

Die Admonter Raute beschreibt daher keine vier Arten von Vertrauen.

Sie beschreibt Bewegungen, in denen sich verändert, worauf Menschen vertrauen können.


c-it¹ – Vertrauen in die gemeinsame Betrachtung

Am Beginn eines Mediationsprozesses steht häufig die Frage:

Was ist eigentlich geschehen?

Die Beteiligten kommen mit unterschiedlichen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Deutungen.

Jede Seite erlebt ihre eigene Sicht als nachvollziehbar. Die eigene Geschichte des Konflikts erscheint schlüssig, während die Perspektive der anderen Seite möglicherweise schwer verständlich bleibt.

Die erste Vertrauensbewegung besteht deshalb darin, den Konflikt gemeinsam betrachten zu können.

Nicht sofort:

Wer hat recht?

Sondern:

Was ist geschehen? Welche Wahrnehmungen stehen nebeneinander? Welche Bedeutungen verbinden die Beteiligten mit dem Geschehen?

Dafür braucht es Vertrauen in den Prozess.

Vertrauen darauf, dass die eigene Perspektive sichtbar werden darf.

Vertrauen darauf, dass sie gehört werden kann, ohne dass unmittelbar über richtig oder falsch entschieden wird.

Der Konflikt muss nicht sofort gelöst werden.

Er muss zunächst gemeinsam betrachtet werden können.


c-me – Vertrauen in die eigene Selbstklärung

Mit der Bewegung zur Selbstklärung verändert sich der Bezugspunkt des Vertrauens.

Nicht nur der Konflikt wird betrachtet.

Auch die eigene Position innerhalb dieses Konflikts wird zugänglich.

Welche Bedeutung hat diese Situation für mich?

Welche Interessen, Erwartungen oder Befürchtungen stehen hinter meiner Position?

Welche Aspekte meiner eigenen Wahrnehmung habe ich bisher möglicherweise nicht betrachtet?

Diese Bewegung verlangt eine besondere Form von Vertrauen:

das Zutrauen, die eigene Perspektive differenzierter verstehen zu können.

Selbstklärung bedeutet dabei nicht, die eigene Position aufzugeben oder zu relativieren.

Sie bedeutet, die eigene Sicht bewusster wahrzunehmen.

Vertrauen zeigt sich hier darin, dass Menschen bereit werden, auch die eigene Perspektive zu betrachten, ohne ihre Berechtigung zu verlieren.


c-us – Vertrauen in Begegnung trotz Differenz

Die vielleicht anspruchsvollste Bewegung der Mediation liegt dort, wo Menschen wieder in Beziehung treten, obwohl Unterschiede bestehen bleiben.

Gerade hier zeigt sich, warum Vertrauen in der Mediation nicht mit Einigkeit verwechselt werden darf.

Ein Konflikt entsteht häufig nicht deshalb, weil Menschen zu wenig Informationen haben. Er entsteht auch deshalb, weil Menschen dieselbe Situation unterschiedlich wahrnehmen, unterschiedlich bewerten und mit unterschiedlichen Erfahrungen verbinden.

Die Aufgabe der Mediation besteht daher nicht darin, diese Unterschiede möglichst schnell aufzulösen.

Sie besteht darin, einen Raum zu schaffen, in dem Unterschiede sichtbar werden können, ohne dass die Beziehung daran zerbrechen muss.

Dialog bedeutet deshalb nicht, dass die eigene Perspektive aufgegeben wird.

Es bedeutet auch nicht, dass die Sichtweise der anderen Seite übernommen werden muss.

Vielmehr entsteht eine neue Möglichkeit des Umgangs mit Differenz:

Die andere Perspektive kann sichtbar werden, ohne dass sie automatisch zur eigenen werden muss.

Gerade darin liegt eine wesentliche Vertrauensbewegung.

Die Beteiligten müssen darauf vertrauen können,

dass die eigene Sichtweise Raum erhält,

dass Zuhören nicht bedeutet, Zustimmung zu geben,

dass Verstehen nicht voraussetzt, einverstanden zu sein.

Eine Perspektive nachvollziehen zu können bedeutet, ihre innere Logik zu erkennen und ihre Bedeutung für den anderen Menschen wahrzunehmen. Es bedeutet nicht, die eigene Bewertung aufzugeben.

Erst diese Unterscheidung ermöglicht Dialog auch dort, wo Unterschiede bestehen bleiben.

Vertrauen im dialogischen Feld bedeutet daher nicht:

„Wir müssen dieselbe Sichtweise entwickeln, damit wir miteinander arbeiten können.“

Sondern:

„Wir können miteinander in Beziehung bleiben, auch wenn unsere Sichtweisen unterschiedlich bleiben.“


c-it² – Vertrauen in Gestaltung trotz offener Zukunft

Aus Wahrnehmung, Selbstklärung und Dialog kann Gestaltung entstehen.

Doch auch Gestaltung beruht nicht auf vollständiger Sicherheit.

Keine Entscheidung kann alle zukünftigen Entwicklungen kontrollieren.

Keine Vereinbarung kann jede Unsicherheit beseitigen.

Keine gemeinsame Gestaltung kann garantieren, dass sich die Zukunft exakt so entwickelt, wie sie geplant wurde.

Gerade deshalb braucht Gestaltung Vertrauen.

Nicht das Vertrauen darauf, dass die getroffene Entscheidung zwangsläufig richtig sein wird.

Nicht das Vertrauen darauf, dass alle Risiken verschwunden sind.

Sondern das Vertrauen darauf, dass Menschen auf Grundlage einer differenzierteren Wahrnehmung und eines vertieften Dialogs wieder eigene Entscheidungen treffen können.

Gestaltung bedeutet dann nicht, die Zukunft zu beherrschen.

Sie bedeutet, Verantwortung für die nächsten Schritte zu übernehmen, obwohl die Zukunft offen bleibt.

Hier zeigt sich die letzte Bewegung der Admonter Raute:

Das Vertrauen verschiebt sich von der Frage

„Kann ich darauf vertrauen, dass der Prozess mich trägt?“

hin zu der Frage:

„Kann ich darauf vertrauen, dass ich selbst wieder gestalten kann?“


Die Bewegung durch die Admonter Raute beschreibt damit keine lineare Abfolge, in der ein einmal entstandenes Vertrauen einfach erhalten bleibt.

Sie beschreibt eine Entwicklung:

Vom Vertrauen in einen Raum, in dem ein Konflikt betrachtet werden kann,

über das Vertrauen in die eigene Fähigkeit zur Selbstklärung,

zum Vertrauen in Begegnung trotz bleibender Differenz,

bis hin zum Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft.

Vertrauen ist damit kein Zustand, der am Beginn einer Mediation vorhanden sein muss.

Es ist eine Bewegung, die sich innerhalb eines professionell gestalteten Prozesses entwickeln kann.

Der A_MMM-Beitrag liegt dabei nicht darin, Vertrauen als zusätzliche Kategorie neben den Prozessfeldern zu definieren.

Er zeigt vielmehr:

Vertrauen verändert im Verlauf eines Prozesses seinen Bezugspunkt.

Am Anfang vertrauen Menschen vielleicht dem Rahmen.

Dann dem Prozess.

Dann zunehmend den eigenen Wahrnehmungs-, Dialog- und Gestaltungsmöglichkeiten.

Epilog: Unsicherheit gemeinsam tragen

Eine Mediation wird nicht dadurch möglich, dass Unsicherheit verschwindet.

Sie wird möglich, weil Menschen lernen können, mit Unsicherheit anders umzugehen.

Die besondere Leistung der Mediation liegt deshalb nicht darin, eine offene Zukunft in eine sichere Zukunft zu verwandeln. Sie liegt darin, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen auch unter Bedingungen begrenzten Wissens handlungsfähig bleiben können.

Die Mediator:in erzeugt kein Vertrauen.

Vertrauen lässt sich nicht herstellen wie eine Methode oder Intervention.

Es entsteht dort, wo Menschen Erfahrungen machen können, die eine offene Situation tragbar werden lassen: durch Klarheit der Rollen, durch einen verlässlichen Prozessrahmen und durch eine Haltung, die Unterschiede sichtbar werden lässt, ohne sie vorschnell aufzulösen.

Die Aufgabe der Mediator:in liegt deshalb nicht darin, Sicherheit über die Zukunft zu geben.

Sie liegt darin, einen Prozess zu ermöglichen, in dem Menschen wieder Zugang zu ihrer eigenen Wahrnehmungs-, Dialog- und Gestaltungskraft finden können.

Das Verfahren garantiert keine Zukunft.

Es ermöglicht Zukunft.

Denn Gestaltung entsteht nicht dadurch, dass alle Unsicherheit beseitigt ist. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, trotz verbleibender Unsicherheit Verantwortung zu übernehmen.

Gerade darin liegt eine besondere Qualität der Mediation:

Sie verlangt nicht, dass Vertrauen bereits vorhanden ist.

Sie schafft Bedingungen, unter denen Vertrauen entstehen kann.


Vertrauen in der Mediation bedeutet daher nicht die Erwartung eines bestimmten Ausgangs.

Es bedeutet nicht:

„Ich weiß, dass die andere Seite sich bewegen wird.“

Es bedeutet nicht:

„Ich weiß, dass wir eine Lösung finden werden.“

Es bedeutet:

„Ich bin bereit, mich auf einen Prozess einzulassen, in dem eine andere Zukunft möglich werden kann.“

Vertrauen ist damit keine Garantie.

Es ist eine Haltung gegenüber einer offenen Möglichkeit.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke mediativer Prozesse:

Sie geben Menschen keine Gewissheit über die Zukunft.

Sie ermöglichen ihnen, dieser Zukunft wieder gemeinsam zu begegnen.

Denn eine offene Zukunft ist nicht nur eine Quelle von Unsicherheit.

Sie ist auch der Raum, in dem Veränderung überhaupt möglich wird.


Vertrauen ist in der Mediation nicht das Wissen, dass es gut werden wird.
Vertrauen ist die Bereitschaft, gemeinsam daran zu arbeiten, obwohl niemand wissen kann, wie es werden wird.