Konflikte müssen Zukunft behalten

Konflikte müssen Zukunft behalten

Über Konfliktfähigkeit, toxische Verengungen und die Möglichkeit gemeinsamer Gestaltung

Tagungen hinterlassen selten nur das, was in Vorträgen ausdrücklich gesagt wurde. Manches beginnt erst danach zu arbeiten, weil Gedanken aus unterschiedlichen Zusammenhängen aufeinandertreffen und eine Frage noch einmal anders hervortreten lassen.

Die Tagung Gemeinwesenarbeit 2026 in St. Wolfgang stand unter dem Generalthema „Gemeinwesenarbeit in stürmischen Zeiten. Welche Konfliktfähigkeit brauchen wir für Frieden?“ Bereits darin liegt eine bemerkenswerte Verschiebung: Frieden erscheint nicht als Abwesenheit von Konflikt, sondern als etwas, das eine bestimmte Fähigkeit im Umgang mit Konflikten voraussetzt.

Für mich waren es vor allem zwei sehr unterschiedliche Beiträge, die diese Frage weiter geöffnet haben. Claudia Brunnersprach über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Friedensarbeit in einer militarisierten Zivilgesellschaft und darüber, wie gesellschaftliche Auseinandersetzungen nicht allein auf der Ebene politischer Entscheidungen oder institutioneller Strukturen stattfinden. Sie haben auch eine diskursive, kognitive und affektive Dimension. Was als Bedrohung erscheint, welche Form von Sicherheit plausibel wird, wem Glaubwürdigkeit zukommt und welche Reaktionen als angemessen empfunden werden, entsteht nicht unabhängig von den Erzählungen, Begriffen und Wahrnehmungsordnungen einer Gesellschaft.

Am folgenden Morgen richtete Carmen Sippl aus einer anderen Perspektive den Blick auf Zukünftebildung. Zukunft erschien dabei nicht als etwas, das irgendwann einfach eintreten wird, sondern als etwas, das bereits in der Gegenwart wirksam ist. Menschen handeln danach, welche Zukünfte sie erwarten, befürchten, erhoffen oder überhaupt noch für möglich halten.

Im Nachdenken über beide Impulse hat sich für mich die Frage des Tagungsthemas noch einmal zugespitzt. Konfliktfähigkeit zeigt sich möglicherweise nicht erst darin, wie gut Menschen streiten oder wie rasch sie zu einer Lösung gelangen. Sie beginnt früher: dort, wo ein Konflikt noch offen genug bleibt, um anders verstanden werden zu können, wo das Gegenüber noch überraschen kann und wo mehr als eine Zukunft denkbar bleibt.

Was bedeutet es also, konfliktfähig zu sein?

Ein erster Schritt zu einer Antwort besteht darin, Konflikte nicht vorschnell als Gegenstück zu Frieden zu behandeln.

Der Konflikt als Störung?

Konflikte belasten. Sie können Beziehungen beschädigen, Entscheidungen blockieren, Organisationen lähmen und Menschen verletzen. Wer professionell mit Konflikten arbeitet, hat daher wenig Anlass, ihre destruktiven Möglichkeiten zu unterschätzen. Zugleich prägt gerade diese Erfahrung eine Sprache, in der Konflikte häufig als etwas erscheinen, das möglichst rasch entschärft, beigelegt oder gelöst werden soll. Dahinter steht leicht eine Vorstellung, die zunächst selbstverständlich wirkt: Es gibt eine grundsätzlich funktionierende Ordnung, der Konflikt stört sie, und erfolgreiche Konfliktbearbeitung stellt diese Ordnung wieder her.

Genau an diesem Punkt lohnt sich genaueres Hinsehen. Denn welche Ordnung soll eigentlich wiederhergestellt werden? Was, wenn der Konflikt gerade sichtbar macht, dass die Beteiligten diese Ordnung nie auf dieselbe Weise erlebt haben? Zuständigkeiten wurden unterschiedlich verstanden, Erwartungen nie ausgesprochen oder Entscheidungen getroffen, deren formale Gültigkeit nicht mit ihrer erlebten Legitimität übereinstimmt. Eine Familie kann über Jahrzehnte hinweg eine Vorstellung von Zusammengehörigkeit aufrechterhalten, bis bei der Verteilung von Vermögen sichtbar wird, wie unterschiedlich Zugehörigkeit, Verantwortung und Gerechtigkeit tatsächlich verstanden werden. Ein Führungskonflikt kann sich bei genauerer Betrachtung weniger als Kommunikationsproblem zwischen zwei Personen erweisen denn als ungeklärter Widerspruch zwischen Rolle, Einfluss und Verantwortung.

Der Konflikt hat solche Differenzen nicht notwendig erzeugt. Oft macht er sie erst beobachtbar.

Damit stellt sich eine Frage, die für professionelle Konfliktarbeit zentral ist: Was übersehen wir, wenn unser erster Impuls bereits darauf gerichtet ist, den Konflikt zum Verschwinden zu bringen?

Das bedeutet nicht, Konflikte zu romantisieren. Ein eskalierter Konflikt kann Möglichkeiten zerstören, die vorher bestanden haben. Menschen können einander beschädigen, und nicht jede Beziehung muss oder soll erhalten werden. Konfliktfähigkeit besteht gerade nicht darin, Konflikte um ihrer selbst willen zu bewahren. Sie beginnt vielmehr dort, wo ein Konflikt lange genug beobachtbar bleibt, um verstehen zu können, was in ihm geschieht.

Die erste professionelle Frage lautet dann nicht: Wie lösen wir dieses Problem? Sondern: Was wird hier sichtbar, das bislang keinen hinreichenden Ausdruck gefunden hat?

Wie Konflikte ihre Offenheit verlieren

Nicht jeder Konflikt wird destruktiv. Interessant ist deshalb weniger die Frage, ob Konflikte an sich gut oder schlecht sind, sondern wodurch sie ihre Bearbeitbarkeit verlieren.

Im alltäglichen Sprachgebrauch ist rasch von „toxischen Konflikten“ oder „toxischen Beziehungen“ die Rede. Die Bezeichnung hat eine gewisse Plausibilität, weil sie auf reale Erfahrungen von Schädigung verweist. Zugleich kann sie eine problematische Verschiebung erzeugen. Was toxisch genannt wird, erscheint leicht als Eigenschaft des Konflikts oder schließlich einer Person. Damit wird aus einer beobachtbaren Dynamik eine Zuschreibung.

Für das Ad_Monter Meta Modell (A_MMM) erscheint mir eine andere Lesart tragfähiger: 

Nicht der Konflikt selbst ist toxisch. Toxisch können die Verengungsbewegungen werden, durch die ein Konflikt zunehmend seine Offenheit verliert.

Solche Verengungen entstehen selten auf nur einer Ebene. Häufig beginnt sich eine Geschichte über den Konflikt zu verdichten. Einzelne Erfahrungen werden miteinander verbunden, frühere Ereignisse neu gelesen und Motive zugeschrieben. Was zunächst eine mögliche Erklärung war, wird allmählich zur einzig plausiblen Geschichte. „Er wollte das von Anfang an.“ „Ihr ging es nie um die Sache.“ „Jetzt zeigt sich endlich, wie sie wirklich ist.“ Solche Sätze können aus nachvollziehbaren Erfahrungen entstehen. Problematisch werden sie dort, wo die Erzählung keine Beobachtung mehr benötigt, weil jedes neue Ereignis nur noch als Bestätigung dessen erscheint, was bereits gewusst wird.

Damit verändert sich zugleich, welches Wissen noch aufgenommen werden kann. Informationen, die zur bestehenden Deutung passen, gewinnen an Gewicht; Widersprechendes wird zur Ausnahme, zum Missverständnis oder gerade zum Beweis dafür, dass dem anderen nicht zu trauen ist. Der Konflikt entwickelt auf diese Weise eine eigene epistemische Geschlossenheit. Er erklärt sich zunehmend aus sich selbst.

Diese Entwicklung bleibt nicht auf der Ebene des Denkens. Kränkung, Angst, Empörung oder Verachtung wirken daran mit, welche Wahrnehmungen noch zugelassen werden und welche Handlungen plausibel erscheinen. Wer sich über lange Zeit als übergangen erlebt, hört dieselben Worte anders als jemand, der keine solche Geschichte mitbringt. Wer dem Gegenüber bereits strategische Täuschung unterstellt, wird einen versöhnlichen Schritt möglicherweise gerade als besonders raffinierte Manipulation interpretieren. Affekte sind in solchen Situationen nicht das Gegenteil vernünftiger Konfliktbearbeitung. Sie sind Teil der Wirklichkeit, in der wahrgenommen und entschieden wird.

Je stärker sich ein Konflikt auf diese Weise verengt, desto weniger Möglichkeiten bleiben den Beteiligten, das Gegenüber anders zu sehen, auf neue Informationen anders zu reagieren oder sich selbst anders zu verhalten. Schließlich kann auch die andere Person ihre Komplexität verlieren. Aus einem Bruder mit widersprüchlichen Interessen und Erfahrungen wird „der, der immer nur ans Geld denkt“. Aus einer Kollegin wird „die Intrigantin“, aus einem Geschäftsführer „der Machtmensch“. Solche Figuren sind stabil. Sie haben den Vorteil, dass sie kaum mehr überraschen können.

Gerade darin liegt die Gefahr. Wo das Gegenüber nicht mehr überraschen kann, verliert Begegnung ihren Sinn.

Der Konflikt stabilisiert sich dann in einem Kreislauf: Die Erzählung strukturiert die Wahrnehmung, die Wahrnehmung bestätigt das vorhandene Wissen, dieses Wissen erzeugt und verstärkt Affekte, die wiederum Handlungen legitimieren, und diese Handlungen liefern der anderen Seite neues Material für ihre eigene Konflikterzählung. Jede Seite kann schließlich plausibel erklären, warum sie gar nicht anders handeln konnte.

Toxisch wäre in diesem Verständnis nicht eine bestimmte Intensität des Konflikts. Toxisch wird eine Dynamik dort, wo Unterschiede immer weniger in ihrer Eigenständigkeit beobachtbar und stattdessen immer eindeutiger erklärbar werden.

Wenn Zukunft alternativlos wird

Eine solche Verengung betrifft nicht nur die Interpretation von Vergangenheit und Gegenwart. Sie verändert auch die Zukunft.

Das lässt sich in vielen eskalierten Konflikten beobachten. Zu Beginn mögen mehrere Entwicklungen möglich erscheinen. Ein Konflikt kann geklärt, eine Zusammenarbeit neu geordnet, Verantwortung anders verteilt oder auch eine Trennung vereinbart werden. Mit zunehmender Eskalation schrumpft dieses Spektrum. „Mit ihm wird es nie mehr funktionieren.“ „Wir können nur noch verkaufen.“ „Es bleibt nur der Rechtsweg.“ „Mit dieser Führung ist jede Veränderung ausgeschlossen.“

Solche Aussagen besitzen oft den Klang einer nüchternen Prognose. Tatsächlich beschreiben sie keine bereits vorhandene Zukunft. Sie sind gegenwärtige Deutungen des Kommenden. Gerade deshalb haben sie enorme Wirkung. Denn Menschen handeln heute danach, welche Zukunft sie noch für möglich halten.

Wo nur noch eine Zukunft vorstellbar ist, wird die Gegenwart entsprechend organisiert. Wer überzeugt ist, dass die Zusammenarbeit ohnehin enden wird, investiert nicht mehr in deren Verbesserung. Wer den Prozess vor Gericht bereits als unvermeidlich betrachtet, liest jedes Gespräch vor allem unter strategischen Gesichtspunkten. Wer davon ausgeht, dass das Gegenüber niemals nachgeben wird, muss dessen Bewegung auch nicht mehr abwarten.

Konflikteskalation lässt sich deshalb auch als Verlust denkbarer Zukünfte verstehen.

Hier wird der Impuls der Zukünftebildung für Konfliktarbeit interessant, ohne dass daraus sofort eine gemeinsame Vision werden müsste. Gerade in tiefen Konflikten wäre die Aufforderung, ein gemeinsames Zukunftsbild zu entwickeln, häufig verfrüht. Die Beteiligten müssen nicht dieselbe Zukunft wünschen. Manchmal ist eine gute Trennung tatsächlich die angemessene Gestaltung.

Entscheidend ist etwas anderes: Gibt es überhaupt noch mehr als eine denkbare Zukunft?

Zwischen der Feststellung „Es gibt keine andere Möglichkeit“ und der Entscheidung „Wir haben unterschiedliche Möglichkeiten geprüft und entscheiden uns für diese“ liegt ein erheblicher Unterschied. Im ersten Fall wirkt Zukunft wie ein Sachzwang auf die Gegenwart zurück. Im zweiten Fall ist Gestaltung möglich geworden.

Professionelle Konfliktarbeit muss Zukunft deshalb nicht herstellen. Ihre Aufgabe besteht zunächst darin, den Raum des Möglichen wieder zu öffnen.

Das ist weniger spektakulär als eine gemeinsame Vision, aber grundlegender. Eine einzige zusätzliche Möglichkeit kann bereits etwas verändern. Die Zusammenarbeit kann in ihrer bisherigen Form tatsächlich nicht fortgesetzt werden, während eine andere Form denkbar bleibt. Vermögen kann getrennt werden, ohne dass damit zwangsläufig jede familiäre Beziehung endet. Eine unternehmerische Nachfolge kann im ursprünglich geplanten Modell scheitern und dennoch in einer Struktur gelingen, die bislang niemand als realistisch betrachtet hat.

Gestaltungsfähigkeit entsteht nicht erst mit Einigkeit. Sie beginnt dort, wo Zukunft ihre Alternativlosigkeit verliert.

Konfliktfähigkeit und die Bewegung des A_MMM

Von hier aus lässt sich Konfliktfähigkeit umfassender verstehen. Sie ist weder bloß Kommunikationskompetenz noch die persönliche Fähigkeit, Streit gut auszuhalten. Konfliktfähigkeit bezeichnet die Fähigkeit von Menschen und sozialen Systemen, Unterschiede wahrzunehmen und auszutragen, ohne sie vorschnell in Eindeutigkeit, Feindschaft oder Ausschluss übersetzen zu müssen, und dabei die Möglichkeit gemeinsamer oder zumindest aufeinander bezogener Gestaltung nicht zu verlieren.

Das stellt hohe Anforderungen. Unterschiede müssen sichtbar werden dürfen, ohne sofort harmonisiert zu werden. Unterschiedliche Wahrnehmungen müssen nebeneinander bestehen können, ohne daraus den Schluss zu ziehen, alles sei beliebig. Und irgendwann müssen Entscheidungen getroffen werden. Konfliktfähigkeit bedeutet gerade nicht, alle Möglichkeiten dauerhaft offenzuhalten.

An diesem Punkt wird die Operationslogik des A_MMM relevant. Verstehen – Begegnen – Gestalten beschreibt keine lineare Methode zur Herstellung von Konsens. Die Bewegung lässt sich vielmehr als eine Weise lesen, Verengungen zu unterbrechen, ohne notwendige Entscheidungen zu verhindern.

Im Raum von c-it¹ wird zunächst versucht, den Gegenstand so weit wie möglich von seiner vorschnellen Eindeutigkeit zu entlasten. Was ist geschehen? Was lässt sich beobachten? Wo beginnen Interpretation, Zuschreibung und Bewertung? In konfliktären Situationen reicht allerdings auch diese Unterscheidung nicht immer aus. Es kann notwendig werden, zusätzlich nach dem Rahmen zu fragen, innerhalb dessen etwas überhaupt als relevant, bedrohlich oder eindeutig erscheint. Beobachtung zweiter Ordnung bekommt hier eine sehr praktische Bedeutung: Es geht nicht nur darum, was ich sehe, sondern auch darum, wie mein Sehen organisiert wird.

Die Bewegung zu c-me verändert anschließend die Beobachtungsrichtung. Der Konflikt ist nicht nur draußen. Was bedeutet das Geschehen für mich? Was steht für mich auf dem Spiel? Welche Erfahrung aus Vergangenheit und Gegenwart prägt meine Reaktion? Welche Zukunft fürchte ich, welche brauche ich? Gerade affektive Aspekte bekommen hier ihren legitimen Platz. Sie werden weder als irrationales Störgeräusch beseitigt noch automatisch zur Wahrheit des Konflikts erklärt. Sie werden beobachtbar als Teil der eigenen Position im Geschehen.

Damit verändert sich auch die Bedeutung von Begegnung in c-us. Begegnung muss nicht heißen, dass Beteiligte einander überzeugen oder am Ende dieselbe Wirklichkeit teilen. Ihr produktiver Kern liegt bereits darin, dass die Wirklichkeit des Gegenübers die Selbstverständlichkeit der eigenen Wirklichkeit irritieren kann. Ich muss die Wahrnehmung des anderen nicht übernehmen, um erkennen zu können, dass meine eigene das Geschehen nicht erschöpft.

Gerade diese kleine Verschiebung kann in verengten Konflikten erheblich sein. Wo zuvor Gewissheit herrschte, entsteht wieder Beobachtung. Wo die andere Person vollständig erklärt war, kann sie wieder zum Gegenüber werden.

Erst danach gewinnt c-it² sein eigentliches Gewicht. Gestaltung verlangt Setzungen. Wer trägt Verantwortung? Welche Regel soll gelten? Wie wird Eigentum verteilt? Welche Entscheidung trifft ein Unternehmen? Welche Form der Zusammenarbeit bleibt bestehen, welche endet? Der Anspruch des A_MMM kann nicht darin liegen, solche Entscheidungen durch immer weitere Reflexion hinauszuschieben. Entscheidend ist vielmehr, aus welcher Qualität von Verstehen und Begegnung heraus sie getroffen werden und wie überprüfbar ihre Wirkungen bleiben.

Deshalb endet die Bewegung nicht mit c-it². Die Evaluationsmembran zurück zu c-it¹ erhält im Kontext von Konfliktfähigkeit eine besondere Bedeutung. Eine Vereinbarung kann einen Konflikt beenden und zugleich neue Verengungen erzeugen. Eine Governance-Struktur kann Klarheit schaffen und dennoch bestimmte Stimmen systematisch marginalisieren. Eine Erbregelung kann rechtlich eindeutig sein und relationale Spannungen verschärfen. Eine organisatorische Neuordnung kann Rollen sauber trennen und einen Anerkennungskonflikt lediglich aus dem sichtbaren Bereich verschieben.

Die Rückfrage lautet deshalb nicht nur: Funktioniert unsere Lösung? Sondern auch: Welche neue Wirklichkeit erzeugt unsere Gestaltung, und wie konfliktfähig ist diese Wirklichkeit?

Eine konfliktfähige Ordnung wäre nicht jene, in der keine neuen Konflikte entstehen. Sie wäre eine Ordnung, in der neue Unterschiede wieder wahrnehmbar und bearbeitbar werden können.

Darin liegt auch eine interessante Perspektive auf Resilienz. Widerstandsfähigkeit wird häufig positiv bewertet. Doch Stabilität allein sagt noch wenig über die Qualität einer Ordnung aus. Auch problematische Strukturen können ausgesprochen widerstandsfähig sein und ihre eigenen Voraussetzungen immer wieder reproduzieren.

Für Konfliktfähigkeit ist deshalb eine andere Form von Resilienz entscheidend: nicht die Fähigkeit, möglichst unverändert auf Irritation zu reagieren, sondern die Fähigkeit, irritierbar zu bleiben, ohne die eigene Handlungsfähigkeit zu verlieren. Eine solche zivile Resilienz hält Widerspruch aus, ohne aus jedem Widerspruch eine Bedrohung zu machen. Sie kann starke Affekte aufnehmen, ohne ihnen allein die Gestaltung zu überlassen. Und sie lässt eigene Gewissheiten infrage stellen, ohne damit jede Orientierung preiszugeben.

Gerade diese bewegliche Stabilität ist eine wesentliche Voraussetzung friedensfähiger Gesellschaften.

Konflikte müssen Zukunft behalten

Am Ende lässt sich die Frage nach Konfliktfähigkeit einfacher formulieren als am Anfang: 

Hat ein Konflikt noch Zukunft?

Damit ist nicht gemeint, ob eine Beziehung fortgesetzt oder eine Einigung erzielt wird. Manche Konflikte enden sinnvollerweise mit einer Trennung. Gemeint ist, ob noch ein Raum besteht, in dem etwas anderes geschehen kann als das, was der Konflikt bereits vorherzusagen scheint. Kann eine neue Information noch Bedeutung gewinnen? Kann das Gegenüber noch überraschen? Kann ich meine eigene Sicht verändern, ohne meine Identität oder meine Interessen aufgeben zu müssen? Kann eine Entscheidung getroffen werden, ohne zuvor die andere Seite als illegitim erklären zu müssen?

Wo solche Möglichkeiten verschwinden, wird ein Konflikt gefährlich eng.

Professionelle Konfliktarbeit kann Offenheit nicht garantieren. Sie kann niemanden zur Begegnung zwingen und keine gemeinsame Zukunft verordnen. Sie kann jedoch dazu beitragen, Verengungen sichtbar zu machen, wo sie zuvor als Sachzwang erschienen, und Unterscheidungen wieder zu ermöglichen, wo Wirklichkeit bereits vereindeutigt war. Sie kann Affekte besprechbar machen, ohne sie zu pathologisieren, und Räume eröffnen, in denen Zukunft wieder als etwas erscheint, das nicht bereits feststeht, sondern gestaltet werden kann.

Das führt zu einer Vorstellung von Frieden, die nicht auf Konfliktfreiheit angewiesen ist. Eine friedensfähige Gesellschaft wäre dann nicht eine Gesellschaft, in der Differenzen verschwunden sind. Sie wäre eine Gesellschaft, die Unterschiede aushalten kann, ohne sie zwangsläufig in Feindschaft zu verwandeln, und die auch unter Bedingungen von Konflikt ihre Fähigkeit zur Beobachtung, Begegnung und Gestaltung nicht verliert.

Konflikte müssen deshalb nicht verschwinden. Aber sie müssen Zukunft behalten.