Die Ordnung des Hörbaren
Chineke!, Foucault, Bourdieu und die Kunst, Räume anders zu bewohnen
Ein Konzertabend mit dem Chineke! Orchestra im Wiener Konzerthaus, im Rahmen der Wiener Festwochen 2026: Werke von Carlos Simon, Samuel Coleridge-Taylor und Florence Price treten ins Zentrum eines klassischen Kanonraums. Doch die eigentliche Verschiebung beginnt schon vor dem ersten Ton — im Publikum, in der Sichtbarkeit des Orchesters, in der Einführung, im Applaus zwischen den Sätzen und in einer Stille, die plötzlich möglich wird. Der Essay liest diesen Abend mit Foucault und Bourdieu als Moment einer veränderten Ordnung des Hörbaren — und fragt, was Mediation und Prozessbegleitung daraus über Räume, Zugehörigkeit und die Kunst der Leitung lernen können.
Prolog
Time for new gods
„Time for new gods!“ — unter diesem Ruf erklären die Wiener Festwochen 2026 ihre Freie Republik Wien zur Republic of Gods. Im dritten Jahr ihres Bestehens und zum 75. Jubiläum der Festwochen wird ein „Heiliger Frühling“ ausgerufen: eine mythische Feier der Gotteskritik und Gottessehnsucht. Alte Erzählungen werden neu befragt — von der Ilias bis zur Nibelungensage, vom arabischen Banū-Hilāl-Epos bis zu Wagners Parsifal. Welche Mythen sprechen noch zu uns? Welche Götter haben ihre Sprache verloren? Welche neuen Gött:innen müssten erfunden werden, damit eine Gegenwart sich selbst anders verstehen kann?
In diesem Rahmen tritt im Wiener Konzerthaus das Chineke! Orchestra auf. 2015 von der britischen Kontrabassistin Chi-chi Nwanoku gegründet, versteht sich Chineke! als erstes professionelles Orchester Europas, das mehrheitlich aus Musiker:innen of Color und Angehörigen ethnischer Minderheiten besteht. Es ist ein Klangkörper, aber nicht nur das. Es ist auch eine Intervention in ein Feld, das lange wusste, wer auf den großen Bühnen selbstverständlich erscheinen durfte — und wer als Ausnahme, Ergänzung oder Randnotiz galt.
Der Abend steht damit von Beginn an unter einer doppelten Frage. Einerseits fragt er nach Musik: nach Werken afroamerikanischer und afro-diasporischer Komponist:innen, nach Florence Price, nach Samuel Coleridge-Taylor, nach Klangsprachen, in denen Spirituals, Tanz, Ritual, europäische Form und Geschichte einander berühren. Andererseits fragt er nach dem Raum selbst: Wer sitzt im Saal? Wer steht auf der Bühne? Welche Körper, Herkünfte, Kleidungen, Sprachen und Erwartungshaltungen bewohnen den Konzertsaal? Und was verändert sich, wenn ein klassischer Kanonraum für einen Abend anders klingt, anders aussieht und anders antwortet?
Schon vor dem ersten Ton ist spürbar, dass hier nicht nur ein anderes Programm in einem vertrauten Rahmen erklingen wird. Der Raum wirkt anders besetzt, anders erwartet, anders bewohnt. Der Abend beginnt nicht mit der feierlichen Setzung einer alten Ordnung. Er beginnt mit Anwesenheit.
Darin liegt bereits die eigentliche Frage dieses Konzerts. Nicht: Wird der Kanon erweitert? Sondern: Was geschieht, wenn ein Raum, der an bestimmte Formen von Würde, Stille, Kleidung, Aufmerksamkeit und kultureller Vertrautheit gewöhnt ist, von anderen Selbstverständlichkeiten mitbewohnt wird?
Foucault hätte hier nach der Ordnung des Hörbaren gefragt: Welche Musik darf als klassisch gelten? Welche Geschichten werden erinnert? Welche Klänge erscheinen als Zentrum, welche als Rand? Bourdieu hätte auf den Habitus des Konzertsaals geachtet: auf Kleidung, Körper, Rituale, Schwellen, Applaus, Stille — auf all jene feinen Zeichen, durch die Zugehörigkeit nicht behauptet, sondern praktiziert wird.
Und für Mediation und Prozessbegleitung stellt sich eine verwandte Frage: Was braucht ein Raum, damit Stimmen, die bisher nur als Störung, Ergänzung oder Sonderfall vorkamen, nicht bloß zugelassen, sondern als zugehörig gehört werden?
Noch bevor Musik erklingt, ist damit die Frage gestellt, wer einen solchen Raum selbstverständlich betreten kann — und wer ihn erst verändern muss, um in ihm vorzukommen.
1. Vor dem ersten Ton
Noch bevor die Musik beginnt, ist der Raum nicht mehr ganz derselbe.
Man sitzt im Wiener Konzerthaus — einem jener Räume, in denen die Rituale klassischer Musik normalerweise verlässlich erkennbar sind. Die Architektur, die Sitzordnung, die Bühne, das gedämpfte Stimmengewirr vor Beginn: Alles verweist auf eine eingeübte Form des Hörens. Und doch ist an diesem Abend etwas verschoben.
Das Publikum wirkt jünger, internationaler, vielfältiger, legerer. Es betritt den Raum nicht mit jener geschlossenen Selbstverständlichkeit, die man aus vielen klassischen Konzerten kennt. Es bringt andere Sprachen, andere Kleidungen, andere Körperhaltungen, andere Erwartungsenergien mit. Der Saal ist nicht weniger aufmerksam. Aber er ist anders bewohnt.
Auch das Orchester ist bereits anwesend. Es tritt nicht erst mit dem offiziellen Beginn als geschlossener Klangkörper in den Saal, sondern sitzt schon auf der Bühne und stimmt sich ein. Dadurch verschiebt sich das Anfangsritual. Der Raum ist nicht zuerst ein wartender Repräsentationsraum, in den das Orchester feierlich eintritt. Er ist bereits vor dem ersten Stück ein arbeitender, atmender Klangraum.
Für einen Moment wird sichtbar, dass ein Konzertsaal nie nur ein akustischer Ort ist. Er ist ein sozialer Raum. Wer ihn betritt, wie er betreten wird, welche Kleidung, welche Stimmen, welche Körper und welche Selbstverständlichkeiten in ihm erscheinen, entscheidet mit, was später als Musik gehört werden kann.
Die Ordnung des Hörbaren beginnt vor dem ersten Klang: im Publikum.
2. Der Konzertsaal als Kanonraum
Ein Konzertsaal wie das Wiener Konzerthaus ist kein neutraler Behälter für Musik. Er ist ein Raum kultureller Legitimität. Was hier erklingt, tritt nicht nur akustisch in Erscheinung. Es erhält Gewicht. Es wird gerahmt als Kunst, als Werk, als Teil einer Geschichte, die erinnert, wiederholt, gelehrt und weitergegeben werden kann.
Der Kanon entsteht nicht allein in Büchern, Archiven und Musikgeschichten. Er entsteht auch in solchen Räumen: durch Programme, Wiederaufführungen, Namen, Rituale, Erwartungshaltungen und durch jene stille Übereinkunft, dass bestimmte Werke nicht begründet werden müssen, weil ihre Bedeutung bereits vorausgesetzt ist. Beethoven, Brahms, Mahler oder Bruckner müssen im Konzertsaal nicht erst legitimiert werden. Ihre Anwesenheit ist selbst schon Legitimation.
Für Musik, die nicht selbstverständlich zum überlieferten Zentrum dieses Kanons gezählt wird, gilt das nicht im selben Maß. Sie wird häufig angekündigt, erklärt, eingeordnet, begründet. Sie erscheint als Entdeckung, Erweiterung, Schwerpunkt, Sonderprogramm oder Zeichen kuratorischer Öffnung. Schon diese Begriffe zeigen, dass sie nicht von vornherein denselben Ort in der Ordnung des Hörbaren besitzt. Sie darf erscheinen, aber oft noch unter dem Vorzeichen des Besonderen.
Hier wird Foucaults Frage nach den Ordnungen des Sagbaren zu einer Frage nach der Ordnung des Hörbaren. Welche Musik kann in einem solchen Raum selbstverständlich erklingen? Welche Komponist:innen erscheinen als Teil der Geschichte, welche als Nachtrag? Welche Traditionen gelten als Ursprung musikalischer Form, welche als Material, Farbe oder Einfluss? Welche Stimmen werden als Zentrum gehört — und welche bleiben, selbst wenn sie gespielt werden, noch am Rand der Deutung?
Der Kanon ist in diesem Sinn keine unschuldige Sammlung schöner Werke. Er ist eine Ordnung kultureller Erinnerung. Er entscheidet nicht nur, was gespielt wird, sondern auch, was als erinnerungswürdig, aufführungswürdig und erklärungsfähig gilt. Was im Kanon fehlt, ist nicht einfach abwesend. Es fehlt an einem Ort, an dem kulturelle Würde verteilt wird.
Mit Bourdieu gesprochen ist der Konzertsaal ein hochlegitimierter Raum kulturellen Kapitals. Wer hier erscheint, erhält symbolisches Gewicht. Ein Werk, das in diesem Raum erklingt, wird anders gehört als an einem beliebigen Ort. Eine Komponistin, deren Symphonie hier gespielt wird, tritt in ein Feld ein, das über Anerkennung, Rang und historische Sichtbarkeit mitentscheidet.
Darum ist es bedeutsam, wenn Werke von Florence Price, Samuel Coleridge-Taylor oder anderen afroamerikanischen und afro-diasporischen Komponist:innen nicht als Randbemerkung, sondern im Zentrum eines solchen Abends stehen. Es geht nicht nur um Repertoiregerechtigkeit. Es geht um die Frage, wer in der Geschichte der sogenannten klassischen Musik als selbstverständlich erinnerbar wird.
Der Konzertsaal ist daher nicht nur ein Ort des Hörens. Er ist ein Ort der Anerkennung. Was hier erklingt, wird nicht bloß wahrgenommen. Es wird in eine Ordnung aufgenommen, die sagt: Das gehört dazu. Das ist nicht Nebenlinie. Das ist nicht Exotik. Das ist nicht bloß Ergänzung. Das ist Teil der Geschichte, aus der Gegenwart sich selbst hört.
Gerade deshalb war der Abend im Rahmen der Wiener Festwochen mehr als ein Konzert. Er machte sichtbar, dass ein Kanonraum nicht durch programmatische Erklärungen allein verändert wird. Er verändert sich, wenn andere Werke, andere Geschichten und andere Öffentlichkeiten in ihm nicht nur zugelassen, sondern als tragende Mitte des Abends hörbar werden.
3. Chineke!: Sichtbarkeit als Klangkörper
Chineke! ist in diesem Zusammenhang nicht einfach ein Orchester mit besonderem Profil. Es ist selbst Teil der Aussage des Abends. Noch bevor ein Werk erklingt, steht mit diesem Klangkörper eine andere Präsenz auf der Bühne: Musiker:innen of Color und Angehörige ethnischer Minderheiten nicht als solistische Ausnahme, nicht als pädagogisches Zeichen, nicht als nachträgliche Korrektur, sondern als professionelles Orchester im Zentrum eines klassischen Konzertabends.
Das ist mehr als Repräsentation. Es verändert die Selbstverständlichkeit des Feldes. Denn klassische Musik wird nicht nur durch Werke, Komponist:innen und Institutionen geprägt, sondern auch durch Bilder: Wer steht auf der Bühne? Wer sitzt im Orchester? Wer dirigiert? Wer wird als Träger:in dieser Tradition sichtbar? Wer erscheint als selbstverständlich zuständig für jene Musik, die lange als Inbegriff europäischer Hochkultur galt?
Im Programmheft wird Chi-chi Nwanoku, die Gründerin von Chineke!, mit dem Satz zitiert: “You can be what you can see.” Der Satz ist einfach und weitreichend zugleich. Er beschreibt eine soziale Bedingung von Möglichkeit. Menschen können sich in einem Raum leichter als möglich erfahren, wenn sie dort bereits sichtbar vorkommen. Sichtbarkeit ist dann nicht bloß Symbolik. Sie ist eine Form der Erlaubnis: Du kommst in dieser Ordnung vor. Du bist nicht nur Gast. Du kannst Teil dieses Feldes sein.
Mit Bourdieu gelesen betrifft das die Verteilung symbolischen Kapitals. Wer im legitimen Feld erscheint, erhält Anerkennung. Wer dort nie erscheint, erlebt das Feld auch dann als fremd, wenn ihm formal niemand den Zutritt verwehrt. Teilhabe beginnt deshalb nicht erst mit geöffneten Türen. Sie beginnt dort, wo ein Raum nicht mehr signalisiert, dass bestimmte Körper, Herkünfte und Geschichten sich erst erklären müssen, um dazuzugehören.
Foucaults Blick ergänzt diese Perspektive. Sichtbarkeit verändert die Ordnung des Hörbaren. Wenn Chineke! auf der Bühne steht, verändert sich die Frage, wer als legitime Stimme klassischer Musik erscheinen kann. Der Klangkörper selbst verschiebt die Aussageordnung: Klassische Musik ist nicht nur das Erbe jener, die in ihrer Geschichte sichtbar gehalten wurden. Sie ist auch ein Raum, in dem bislang marginalisierte Geschichten ihre eigene Gegenwart gewinnen.
Gerade darin lag die Stärke des Abends: Er wurde nicht zur pädagogischen Demonstration. Die Musik musste nicht ständig erklären, warum sie gespielt wird. Das Orchester musste nicht beweisen, dass es in diesen Raum gehört. Es spielte. Professionell, konzentriert, präsent. Die Verschiebung lag nicht in einer dauernden Behauptung von Andersheit, sondern in der Selbstverständlichkeit der Anwesenheit.
Zugehörigkeit entsteht nicht erst, wenn jemand mitspielen darf. Sie beginnt dort, wo Anwesenheit nicht mehr erklärt werden muss.
Für Mediation und Prozessbegleitung liegt hier eine wichtige Spur. Menschen können Verantwortung oft erst dort übernehmen, wo sie sich in einer legitimen Rolle sehen können. Wer in einem Familiensystem nie als ernstzunehmende Nachfolgerin erscheint, betritt Verantwortung anders als jemand, dessen mögliche Rolle bereits sichtbar ist. Wer in einer Organisation nur als Störung vorkommt, kann schwer als Träger einer wichtigen Wahrnehmung gehört werden.
“You can be what you can see” wird so zu einer prozessualen Frage: Welche Rolle muss sichtbar werden, damit jemand sie verantwortlich einnehmen kann? Welche Stimme muss als zugehörig erscheinen, bevor sie nicht mehr um ihre Berechtigung kämpfen muss? Welche Anwesenheit verändert den Raum, ohne ihn erst argumentativ überzeugen zu müssen?
Sichtbarkeit ist nicht Dekoration. Sie ist eine soziale Vorform von Möglichkeit.
4. Die Einführung: Der Hörraum wird sprachlich vorbereitet
Der Abend begann nicht erst mit dem ersten Ton. Vor der Musik stand eine Einführung, moderiert von Marie Spaemann, im Gespräch mit dem Dirigenten Joseph Young und der Geigerin Njioma Chinyere Grevious. Sie war, dem Programmtext folgend, nicht bloß eine sachliche Vorinformation über Werke, Namen und biografische Daten. Sie rahmte, wie der Abend zu hören sei.
Das ist bedeutsam. Denn Hören ist nie ganz voraussetzungslos. Was ein Publikum wahrnimmt, hängt auch davon ab, welche Begriffe vorab bereitstehen, welche Geschichte mitgegeben wird und welche Erwartung an das Kommende entsteht. Eine Einführung kann Musik verengen, wenn sie das Hören zu stark festlegt. Sie kann aber auch öffnen, wenn sie einen Raum schafft, in dem zuvor überhörte Zusammenhänge wahrnehmbar werden.
An diesem Abend übernahm die Einführung gerade diese zweite Funktion. Marie Spaemann stand dabei an einer Schwelle: zwischen Programmtext und Konzert, zwischen Künstler:innen und Publikum, zwischen Information und Aufmerksamkeit. Das Gespräch mit Joseph Young und Njioma Chinyere Grevious machte deutlich, dass die aufgeführten Werke nicht als Rand einer bekannten Musikgeschichte zu hören sind. Sie gehören in eine Geschichte, die neu gehört werden muss, weil sie lange zu eng erzählt wurde.
Foucaults Perspektive hilft, diese Rahmung genauer zu verstehen. Sprache ordnet, was erscheinen kann. Sie legt nicht einfach von außen Bedeutung auf die Musik. Sie schafft Bedingungen, unter denen bestimmte Bedeutungen hörbar werden. Wenn vor dem Konzert über marginalisierte Komponist:innen, afro-diasporische Klangsprachen, Spirituals, Erinnerung und Sichtbarkeit gesprochen wird, dann wird dem Publikum eine andere Aufmerksamkeit angeboten. Es hört nicht nur Themen, Melodien, Virtuosität oder Orchesterklang. Es hört auch eine Geschichte der Ausschlüsse und Wiederaneignungen mit.
Mit Bourdieu gesprochen verleiht eine solche Einführung symbolische Legitimität. Was erklärt wird, wird nicht automatisch schwächer. Es kann gerade durch die Rahmung den Ort wechseln: vom vermeintlich Besonderen in die ernstzunehmende Mitte des Feldes. Young und Grevious sprachen damit nicht nur über Musik. In der Moderation von Spaemann wurde ein Raum geöffnet, in dem dieses Programm nicht als freundliche Öffnung des Kanons zu hören war, sondern als Einladung, die Geschichte der klassischen Musik anders mitzuhören.
Die Einführung hatte daher eine prozessuale Funktion. Sie bereitete den Raum darauf vor, anders zu hören. Sie stellte nicht die Musik unter eine Botschaft. Sie stellte das Publikum in eine aufmerksamere Beziehung zu ihr.
Für Mediation und Prozessbegleitung ist genau das anschlussfähig. Auch dort beginnt ein Prozess selten erst mit der ersten inhaltlichen Aussage. Er beginnt mit der Rahmung: Welche Art von Gespräch ist hier möglich? Was darf schwer sein? Welche Stimmen sollen nicht vorschnell als Störung erscheinen? Welche Geschichte muss mitgehört werden, damit einzelne Sätze ihren Ort finden?
Gute Rahmung erklärt nicht, was die Beteiligten denken sollen. Sie schafft Bedingungen, unter denen etwas anders hörbar werden kann.
So gesehen war die Einführung Teil des Konzerts. Sie war nicht Vorrede, sondern Schwelle. Sie stellte eine Ordnung des Hörens bereit, ohne den Abend auf eine These zu reduzieren.
Der Abend begann nicht mit dem ersten Ton, sondern mit einer Setzung der Hörweise.
5. Applaus zwischen den Sätzen: Wenn Hörordnungen kollidieren
Dann begann die Musik — und mit ihr wurde hörbar, dass nicht nur ein anderes Programm in einem vertrauten Raum erklang. Auch die Regeln des Antwortens waren in Bewegung geraten.
Teile des Publikums klatschten wiederholt zwischen den Sätzen. Nicht vereinzelt und verschämt, sondern mit jener unmittelbaren Energie, die eher an Festival, Jazzclub oder Popkonzert erinnerte als an die eingeübte Zurückhaltung des klassischen Konzertsaals. Nach Satzenden setzte der Applaus oft sofort ein: heftig, begeistert, beinahe körperlich. Der letzte Ton war kaum verklungen, da antwortete der Raum bereits.
Einmal geschah es deutlich zu früh. Der Komponist hatte einen Augenblick Stille eingebaut — eine Stille, die noch zum Stück gehörte. Doch ein Teil des Publikums hielt den Schluss für erreicht und brach in Applaus und Jubel aus. Der Dirigent wirkte für einen Moment leicht irritiert, zog sein Dirigat aber souverän durch. Die Musik ging weiter. Die Stille war unterbrochen, aber der Zusammenhang zerfiel nicht.
Gerade diese Szene ist aufschlussreich. Denn die Stille zwischen Tönen, Sätzen oder Abschnitten ist im klassischen Konzert nicht leer. Sie ist Teil der Form. Sie verlangt ein eingeübtes Wissen darüber, wann ein Satz endet, wann ein Werk endet, wann man antworten darf und wann der Körper noch zurückgehalten werden muss. Auch Schweigen ist in solchen Räumen sozial gelernt.
Hier trafen zwei Hörordnungen aufeinander. Die eine kennt die Pause als Bestandteil des Werkes, als gespannte Fortsetzung des Hörens. Die andere antwortet auf Energie, Schlussgeste, Erregung, Klangwirkung. Sie wartet nicht auf die vollständige Bestätigung durch Ritual und Feldwissen. Sie reagiert, weil sie berührt ist.
Das ist nicht einfach Unkenntnis. Es ist eine andere Resonanzkultur. Sie ist spontaner, unmittelbarer, expressiver, festivalhafter. Die Musik selbst rief diese Reaktion mit hervor. Sie blieb nicht distanziert im Raum stehen, sondern erzeugte Bewegung, Dringlichkeit, Antwortbereitschaft.
Im zweiten Teil des Konzerts, bei der Symphonie von Florence Price, wiederholte sich dieses Muster. Wieder klatschten Teile des Publikums in Satzwechsel hinein. Besonders bemerkenswert war der Übergang vom dritten zum vierten Satz. Der Applaus setzte ein, obwohl der Werkzusammenhang noch nicht abgeschlossen war. Der Dirigent wartete nicht darauf, dass die alte Konzertstille vollständig wiederhergestellt war. Er begann den vierten Satz noch während des Applauses.
In diesem Moment lagen zwei Ordnungen übereinander: die festivalhafte Antwort des Publikums und die fortlaufende Form des Werkes.
Foucaultsch gelesen wird hier sichtbar, dass die Ordnung des Hörbaren nicht nur darüber entscheidet, welche Musik gespielt wird. Sie entscheidet auch darüber, wann gehört, wann geschwiegen und wann geantwortet werden darf. Der Satzwechsel ist kein neutraler Zwischenraum. Er ist ein regulierter Übergang.
Bourdieusch gelesen zeigt sich darin der Habitus des Hörens. Kulturelles Kapital besteht nicht nur darin, Komponist:innen zu kennen oder Werkgeschichten zu verstehen. Es steckt im Körper: im Warten, im Schweigen, im Erkennen des rechten Augenblicks, im Zurückhalten der eigenen Begeisterung. Wer zwischen Sätzen klatscht, verletzt nicht nur eine Regel. Er zeigt, dass diese Regel nicht für alle dieselbe Selbstverständlichkeit besitzt.
Der Abend wurde dadurch nicht schwächer. Im Gegenteil: Die Spannung gewann. Die Reaktionen waren nicht bloß Störungen, sondern Teil einer anderen Öffentlichkeit, die in den klassischen Raum eintrat. Die Form blieb bestehen, aber sie musste mit anderer Energie umgehen.
Transformation irritiert nicht nur die Themen eines Raumes. Sie irritiert auch sein Timing.
6. Die Kunst der Leitung: Form halten, ohne Energie zu beschämen
In solchen Momenten entscheidet sich viel an der Leitung des Raumes. Joseph Young reagierte nicht belehrend. Er unterbrach nicht, korrigierte nicht, stellte die Konzertordnung nicht ausdrücklich wieder her. Er wartete auch nicht darauf, dass der Saal vollständig in jene Stille zurückkehrte, die der klassische Konzertcode erwarten würde. Er führte weiter.
Gerade beim Übergang vom dritten zum vierten Satz der Symphonie von Florence Price wurde das sichtbar. Der Applaus hatte eingesetzt, obwohl der musikalische Zusammenhang noch nicht abgeschlossen war. Young begann den nächsten Satz dennoch. Nicht trotzig, nicht demonstrativ, sondern mit jener Gelassenheit, die die Form nicht preisgibt und zugleich die Energie des Raumes nicht beschämt.
Das ist eine feine Kunst. Denn Leitung kann in solchen Situationen leicht in zwei Richtungen kippen. Sie kann autoritär werden und den Raum zurückrufen: So verhält man sich hier nicht. Oder sie kann die Form verlieren und sich der unmittelbaren Energie vollständig überlassen. Beides geschah nicht. Young hielt die musikalische Linie. Aber er tat es, ohne die Begeisterung des Publikums öffentlich zu korrigieren.
Für Prozessbegleitung und Mediation ist darin ein präzises Bild enthalten. Auch dort entstehen Momente, in denen Beteiligte zu früh reagieren, eine Stille nicht aushalten, in einen Übergang hineinsprechen oder eine Form des Ausdrucks wählen, die nicht dem erwarteten Prozesscode entspricht. Das ist nicht automatisch Widerstand. Es ist oft Ausdruck einer anderen Resonanzordnung.
Menschen bringen in Prozesse nicht nur Themen, Interessen und Positionen mit. Sie bringen auch Rhythmen mit: wann sie antworten, wie schnell sie Zustimmung zeigen, wie sie Irritation ausdrücken, welche Pausen sie als Zumutung erleben und welche Stille sie als notwendig erkennen. Was für die eine Person ein noch offener Zwischenraum ist, ist für eine andere bereits ein Ende. Was für die eine Person Sammlung bedeutet, wirkt für eine andere wie Leere.
Prozessleitung besteht dann nicht darin, jede Abweichung sofort zu sanktionieren. Sie besteht darin, zu unterscheiden: Gefährdet diese Reaktion den Raum? Oder zeigt sie, dass der Raum von unterschiedlichen Habitusordnungen bewohnt wird? Muss ich unterbrechen? Oder kann ich die Energie aufnehmen und die Form weitertragen?
An dieser Stelle berührt die Szene auch die Prozesslogik des Ad_Monter Meta Modells. Zunächst geht es um c-it¹: Was ist hier überhaupt geschehen? War es eine Störung, ein Missverständnis, eine spontane Resonanz, ein Hinweis auf andere Feldregeln? Dann um c-me: Was löst diese Irritation in mir als leitender Person aus? Bin ich beunruhigt, weil der Prozess gefährdet ist — oder weil meine Erwartung an Form verletzt wurde? In c-us stellt sich die Frage, ob der Raum diese Differenz aufnehmen kann, ohne Beteiligte zu beschämen. Und in c-it² geht es schließlich um Gestaltung: Welche Form hält den Prozess weiter offen, ohne ihn beliebig werden zu lassen?
Das ist ein anderer Begriff von Leitung als bloße Kontrolle. Leitung hält nicht nur Regeln ein. Sie hält Übergänge. Sie schützt die Form, aber sie schützt auch die Lebendigkeit, die in die Form eintritt. Sie muss entscheiden, wann eine Irritation benannt werden muss — und wann sie still mitgeführt werden kann.
Der Dirigent korrigierte den Raum nicht. Er führte ihn weiter.
Gerade darin wurde Prozessführung sichtbar: als Fähigkeit, eine andere Resonanz aufzunehmen, ohne die Form preiszugeben.
7. Stille ist möglich: Das Publikum war nicht undiszipliniert
Gerade deshalb war eine andere Beobachtung wichtig. Das Publikum, das zuvor so unmittelbar, so heftig und teilweise zu früh geantwortet hatte, konnte sehr wohl still werden. Bei der Zugabe von Njioma Chinyere Grevious im zweiten Stück entstand eine gespannte Ruhe im Saal. Die Musik war leiser, konzentrierter, weniger auf äußere Energie gerichtet. Und der Raum folgte ihr.
Diese Stille war nicht die disziplinierte Stille eines Publikums, das nur weiß, wann es sich zurückzuhalten hat. Sie wirkte eher wie eine gemeinsam gefundene Aufmerksamkeit: keine bloße Einhaltung einer Regel, sondern eine Antwort auf den Charakter der Musik.
Damit verschiebt sich die Deutung des ganzen Abends. Das Publikum war nicht einfach undiszipliniert. Es reagierte auf unterschiedliche musikalische Impulse unterschiedlich: Auf rhythmische, energetische, körperlich aufgeladene Musik antwortete es expressiv und unmittelbar. Auf leise, fragile, gesammelte Musik antwortete es mit Stille.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn eine elitäre Lesart läge nahe: Man könnte sagen, ein Teil des Publikums habe die Gepflogenheiten des Konzertsaals nicht gekannt. Man könnte den Applaus zwischen den Sätzen als Störung, als mangelnde Bildung oder als fehlenden Respekt lesen. Aber diese Lesart wäre zu einfach. Sie würde genau jene Habitusordnung wiederherstellen, die der Abend zugleich sichtbar machte.
Mit Bourdieu gesprochen lag der Unterschied nicht einfach zwischen Kultur und Unkultur. Er lag zwischen verschiedenen Formen verkörperter Hörpraxis. Das klassische Konzertfeld verlangt ein spezifisches Wissen über Pausen, Satzfolgen, Werkgrenzen und Zurückhaltung. Aber auch unmittelbare Begeisterung ist eine kulturelle Praxis. Auch Jubel, Körperlichkeit und direkte Resonanz haben ihre Ordnung.
Foucaultsch gelesen zeigte sich hier, dass Stille nicht nur Abwesenheit von Geräusch ist. Sie ist Teil einer Ordnung. Sie kann die Musik schützen. Sie kann aber auch als Norm wirken, die bestimmte Formen von Antwort zurückdrängt. An diesem Abend wurde beides sichtbar: Stille als notwendiger Raum der Wahrnehmung — und Stille als kulturelle Erwartung, die nicht für alle dieselbe Selbstverständlichkeit besitzt.
Die Zugabe der Geigerin wurde dadurch zu einer entscheidenden Gegenprobe. Sie zeigte: Dieses Publikum konnte hören, warten, sich sammeln. Es musste nicht erzogen werden. Es musste angesprochen werden. Wo die Musik einen anderen Raum öffnete, fand auch das Publikum eine andere Form der Aufmerksamkeit.
Für Mediation und Prozessbegleitung ist das eine wichtige Unterscheidung. Nicht jede laute Reaktion ist mangelnde Prozessfähigkeit. Nicht jede Unterbrechung ist Widerstand. Nicht jede unmittelbare Antwort bedeutet, dass jemand nicht hören kann. Oft zeigt sich darin eine andere Schwelle zwischen Berührtsein und Ausdruck.
Die Aufgabe der Leitung besteht dann nicht darin, eine einzige Form richtiger Aufmerksamkeit durchzusetzen. Sie besteht darin, wahrzunehmen, welche Form von Aufmerksamkeit gerade möglich ist — und welche Form der Raum jetzt braucht.
Der Abend zeigte nicht fehlende Aufmerksamkeit, sondern andere Schwellen zwischen Hören und Antworten.
8. Foucault und Bourdieu: Ordnung des Hörbaren, Habitus des Hörens
Der Abend lässt sich deshalb mit Foucault und Bourdieu lesen, ohne ihn theoretisch zu überziehen. Beide helfen, das genauer zu sehen, was im Saal bereits spürbar war: Ein Konzert ist nie nur Musik. Es ist ein geordneter Raum des Hörens, Sehens, Wartens, Schweigens und Antwortens.
Foucault schärft den Blick für die Ordnung des Hörbaren. Er würde nicht nur fragen, welche Werke gespielt wurden, sondern unter welchen Bedingungen sie als klassische Musik erscheinen können. Welche Komponist:innen gehören selbstverständlich in den Kanon? Welche müssen neu entdeckt, erklärt oder begründet werden? Welche musikalischen Traditionen gelten als Ursprung, welche als Einfluss, Farbe oder Material? Welche Geschichten erhalten einen Platz im Zentrum — und welche bleiben selbst dann randständig, wenn sie endlich erklingen?
An diesem Abend wurde diese Ordnung verschoben. Werke von Florence Price, Samuel Coleridge-Taylor und Carlos Simon traten nicht als Fußnoten einer bekannten Musikgeschichte auf, sondern als tragende Stimmen eines Programms. Damit wurde nicht nur Repertoire erweitert. Es wurde hörbar, dass der Kanon selbst eine Geschichte von Sichtbarkeit und Ausschluss ist.
Foucaults Frage reicht aber weiter. Die Ordnung des Hörbaren betrifft nicht nur das Programm. Sie betrifft auch die Rituale des Hörens. Wann beginnt Musik? Wann endet sie? Wann ist Stille Teil der Form? Wann darf ein Publikum antworten? Welche Reaktion gilt als angemessen, welche als Störung? Auch diese Regeln gehören zu jener Ordnung, die bestimmt, wie ein Werk im Raum erscheinen darf.
Bourdieu ergänzt diese Perspektive durch den Blick auf den Habitus des Hörens. Der klassische Konzertsaal verlangt ein bestimmtes praktisches Wissen: wie man sich kleidet, wie man sitzt, wann man schweigt, wann man klatscht, wie man eine Satzpause von einem Werkende unterscheidet, wie man Begeisterung zurückhält, bis der richtige Augenblick gekommen ist. Dieses Wissen steht selten auf dem Programmzettel. Es wird vorausgesetzt.
Gerade deshalb ist es wirksam. Kulturelles Kapital zeigt sich nicht nur darin, ob jemand Komponist:innen kennt oder musikgeschichtliche Zusammenhänge benennen kann. Es zeigt sich im Körper: im Warten, im Schweigen, im richtigen Einsatz des Applauses, im Gefühl für Schwellen und Übergänge. Der Habitus des Konzertsaals ist eine Form verkörperter Ordnung.
An diesem Abend traf diese Ordnung auf eine andere Resonanzkultur. Das Publikum bewohnte den Raum nicht in jeder Hinsicht nach den vertrauten Codes des klassischen Konzertfeldes. Es brachte andere Ausdrucksformen von Begeisterung, andere Schwellen des Antwortens, andere Sicherheiten und Unsicherheiten mit. Der Applaus zwischen den Sätzen machte sichtbar, dass die Regeln des klassischen Konzertfeldes nicht naturgegeben sind. Sie sind gelernt. Und was gelernt ist, kann irritiert, erweitert oder neu bewohnt werden.
Das bedeutet nicht, dass jede Regel beliebig wäre. Die Stille kann ein Werk schützen. Sie kann Intensität ermöglichen. Sie kann einen Raum öffnen, in dem Musik nachklingt, bevor die soziale Antwort einsetzt. Aber sie ist nicht bloß musikalische Notwendigkeit. Sie ist auch soziale Form.
Foucault und Bourdieu führen hier zu einer doppelten Aufmerksamkeit. Foucault fragt nach den Ordnungen, die bestimmen, was als Musik, Werk, Kanon und angemessene Reaktion erscheinen darf. Bourdieu fragt nach den Körpern, Prägungen und Feldkompetenzen, durch die diese Ordnung praktisch vollzogen wird. Der eine macht die Regeln des Hörbaren sichtbar. Der andere zeigt, wie sie in Menschen eingeübt sind.
Für Mediation und Prozessbegleitung ist genau diese doppelte Aufmerksamkeit entscheidend. Auch dort genügt es nicht, nur auf Inhalte zu hören. Man muss auch bemerken, welche Aussagen überhaupt als legitim gelten, welche Rollen sichtbar sind, welche Sprache Gewicht bekommt und welche Formen des Antwortens als angemessen oder störend markiert werden. Konflikte entstehen nicht nur aus unterschiedlichen Positionen. Sie entstehen auch dort, wo unterschiedliche Habitusordnungen denselben Raum betreten.
Der Konzertabend machte diese Spannung hörbar. Nicht als Defekt. Nicht als bloße Regelverletzung. Sondern als Moment, in dem ein Raum seine eigenen Voraussetzungen spürt.
Auch Stille ist sozial gelernt.
9. Haltung × Horizont: Was gesellschaftlich auf dem Spiel steht
Der Konzertabend war deshalb mehr als ein besonderes Programm im Rahmen der Wiener Festwochen. Er machte eine gesellschaftliche Frage sichtbar: Was geschieht, wenn neue Öffentlichkeiten alte Räume betreten?
Viele Institutionen sprechen heute von Öffnung. Sie wollen zugänglicher, vielfältiger, internationaler, jünger werden. Sie laden andere Gruppen ein, erweitern Programme, verändern Kommunikation, setzen Zeichen. Das ist wichtig. Aber Einladung allein verändert noch keinen Raum. Ein Raum bleibt nicht derselbe, wenn andere Menschen ihn wirklich betreten. Sie bringen nicht nur Anwesenheit mit. Sie bringen andere Codes, andere Erwartungen, andere Körperhaltungen, andere Rhythmen, andere Formen von Zustimmung und Irritation.
Genau darin liegt die Herausforderung. Solange Vielfalt nur als Bild erscheint, lässt sie sich leicht feiern. Schwierig wird es dort, wo sie die eingespielten Formen berührt: wo andere Menschen nicht nur da sind, sondern den Raum anders gebrauchen; wo sie anders antworten, anders schweigen, anders fragen, anders jubeln, anders warten. Dann zeigt sich, ob Offenheit nur als Programm gemeint war — oder als Bereitschaft, die eigene Ordnung mitverändern zu lassen.
Der Abend im Konzerthaus zeigte diese Spannung ohne große dramatische Geste. Niemand stellte den Konzertsaal infrage. Die Musik blieb klassisch, die Form blieb anspruchsvoll, die künstlerische Qualität stand außer Zweifel. Und doch wurde der Raum anders bewohnt. Die Verschiebung lag nicht im Bruch, sondern in der Koexistenz: klassische Form und festivalhafte Resonanz, komponierte Stille und spontaner Jubel, kanonischer Raum und neue Öffentlichkeit.
Darin liegt eine gesellschaftliche Lektion. Teilhabe bedeutet nicht nur, dass bisher fehlende Stimmen auftreten dürfen. Teilhabe bedeutet, dass ihre Anwesenheit Folgen hat. Wer Menschen einlädt, lädt auch ihre Weisen des Wahrnehmens, Antwortens und Dazugehörens ein. Ein Raum, der das nicht will, bleibt bei Repräsentation stehen. Ein Raum, der es aushält, beginnt sich zu verändern.
Für Mediation und Prozessbegleitung ist das unmittelbar anschlussfähig. Auch dort wird häufig von Beteiligung gesprochen. Alle sollen gehört werden. Alle sollen Raum bekommen. Aber die schwierigere Frage lautet: Darf der Raum sich dadurch verändern? Dürfen neue Stimmen nicht nur sprechen, sondern auch andere Tempi, andere Verletzlichkeiten, andere Ausdrucksformen und andere Vorstellungen von Angemessenheit mitbringen?
In konflikthaften Systemen wird Differenz oft erst dann ernst, wenn sie die Ordnung stört. Solange eine neue Stimme die vorhandenen Codes übernimmt, gilt sie als anschlussfähig. Sobald sie anders spricht, anders reagiert oder andere Pausen braucht, wird sie schnell als schwierig markiert. Prozessbegleitung muss deshalb mehr leisten als Einbeziehung. Sie muss beobachten, wann ein Raum Differenz nur zulässt — und wann er beginnt, sie als Teil seiner eigenen Zukunft aufzunehmen.
Das bedeutet nicht, jede Form aufzugeben. Auch offene Räume brauchen Schutz, Struktur und Grenzen. Nicht jede spontane Reaktion ist hilfreich. Nicht jede Irritation muss gefeiert werden. Aber zwischen Beschämung und Beliebigkeit liegt ein dritter Weg: die Fähigkeit, Unterschiedlichkeit zu halten, ohne sofort zur alten Ordnung zurückzurufen.
Das ist Haltung. Und es öffnet Horizont.
Ein Raum ist erst dann wirklich offen, wenn er nicht nur andere Menschen einlässt, sondern auch aushält, dass sie ihn anders bewohnen.
Epilog
Anders bewohnt
Am Ende war der Abend kein Bruch mit dem klassischen Konzertsaal. Das Wiener Konzerthaus blieb Wiener Konzerthaus. Die Symphonie blieb Symphonie. Die Form blieb anspruchsvoll. Der Dirigent hielt die musikalische Linie. Die Solistin blieb professionell, konzentriert — und zugleich dem Publikum zugewandt.
Und doch war der Raum nicht mehr ganz derselbe.
Er war anders bewohnt.
Nicht durch eine große Geste. Nicht durch eine programmatische Erklärung. Nicht durch die Aufhebung aller Regeln. Sondern durch viele kleine Verschiebungen: durch eine andere Öffentlichkeit im Saal, durch andere Erwartungsenergien, andere Formen des Antwortens; durch ein Orchester, das bereits vor dem offiziellen Beginn anwesend war; durch eine Einführung, die das Hören vorbereitete; durch Applaus, der manchmal zu früh kam und dennoch nicht bloß Störung war; durch Stille, die möglich wurde, wenn die Musik sie verlangte.
Der Abend zeigte, dass kulturelle Transformation selten dort beginnt, wo eine alte Form einfach verschwindet. Sie beginnt dort, wo andere Menschen dieselbe Form betreten — und der Raum lernen muss, ihren Rhythmus mitzuhören.
Das ist keine kleine Zumutung. Denn Räume haben Gedächtnisse. Sie wissen, wie man sich in ihnen bewegt, wann man schweigt, wann man klatscht, welche Körper selbstverständlich erscheinen und welche sich erst legitimieren müssen. Wer einen solchen Raum öffnet, öffnet nicht nur Türen. Er öffnet auch die Frage, ob die Ordnung des Raumes selbst berührbar wird.
Darin liegt die tiefere Verbindung zur Mediation und Prozessbegleitung. Auch dort genügt es nicht, Menschen an einen Tisch zu setzen und ihnen Redezeit zu geben. Entscheidend ist, ob der Raum ihre Anwesenheit aufnehmen kann, ohne sie sofort an alte Formen der Angemessenheit zurückzubinden. Eine Stimme wird nicht nur gehört, weil sie spricht. Sie wird gehört, wenn der Raum sie als zugehörig ertragen kann.
Chineke! machte an diesem Abend nicht nur Musik hörbar. Das Orchester machte eine andere Möglichkeit des Konzertsaals sichtbar. Eine Möglichkeit, in der Kanon nicht bloß bewahrt, sondern neu bewohnt wird. Eine Möglichkeit, in der Stille und Jubel, Form und Energie, Geschichte und Gegenwart einander nicht ausschließen müssen.
Die Ordnung des Hörbaren wurde nicht gesprengt. Sie wurde verschoben.
Und für einen Abend konnte man ahnen: Der Raum hatte nicht verloren, was ihn trägt. Aber er hatte etwas dazugelernt: einen anderen Rhythmus, eine andere Gegenwart, eine andere Weise, sich selbst zu hören.