Zwischen Misstrauen und Vertrauen – Resonanzräume der Mediation
Prolog
Eine Einladung flattert ins Postfach. Nicht von einem Sicherheitsinstitut, nicht aus der Kriminalistik, sondern von einer Interessenvertretung für Wirtschaftsmediation. Das Thema: Lügenerkennung in Wirtschaftsmediation - Verhaltensanalyse & Profiling - „Gesichter lügen nicht – auch wenn Worte es tun!“ Angekündigt werden Methoden der Lügenforschung, Profiling, Beispiele aus der Terrorprävention, ein Hauch True-Crime-Atmosphäre – und der Hinweis, wie nützlich dies auch in Beratung, Führung und Mediation sei.
Auf den ersten Blick klingt es spannend, vielleicht sogar unterhaltsam. Doch der zweite Blick weckt Fragen: Wenn Mediation Vertrauen und Verständigung zum Kern hat – kann es dann im Sinne ihrer Idee sein, Misstrauenslogik zum Programm zu machen? Oder anders: Wenn eine Fachgruppe der Wirtschaftsmediation solche Inhalte empfiehlt, spricht sie dann die Sprache der Mediation – oder importiert sie ein fremdes Paradigma?
Dabei geht es nicht darum, Vortragende oder die Qualität einzelner Veranstaltungen in Frage zu stellen – das möchte ich ausdrücklich und nachhaltig betonen. Mir geht es um Grundlegendes: um die Frage, welches Paradigma unsere Profession trägt. Für mich ist das Vertrauen – nicht Entlarvung. Und genau diese Differenz gilt es, gerade in der Wirtschaftsmediation sichtbar zu machen.
Misstrauen ist ein mächtiges soziales Muster.
Es schärft den Blick, es macht wachsam.
Misstrauen prüft, vergleicht, sucht nach Bruchstellen.
Es verspricht Kontrolle über eine Situation, in der Unsicherheit sonst dominieren würde.
Wer misstraut, fühlt sich – zumindest kurzfristig – sicherer.
Doch Misstrauen hat eine zweite Seite. Es verengt den Raum. Wer mit dem Filter des Verdachts hört, hört anders. Jedes Wort wird zur möglichen Täuschung, jede Pause zur Falle, jedes Abweichen zur Bestätigung des Verdachts. Begegnung wird so zu einem Tribunal: Der andere muss bestehen, sich rechtfertigen, darf keinen Fehler machen.
Wir sehen diese Logik in vielen Bereichen unserer Gesellschaft. In der Politik, wo fast jede Aussage als „Spin“ verdächtigt wird. In den Medien, die oft eher auf Entlarvung als auf Verstehen setzen. In der Wirtschaft, wo Due Diligence, Compliance und Prüfmechanismen immer weiter verfeinert werden, um die Möglichkeit von Täuschung auszuschalten. Sicherheit entsteht hier nicht durch Vertrauen, sondern durch Kontrolle.
Und doch: Ist es wirklich Sicherheit, die dadurch entsteht? Oder nur ein Gefühl von Sicherheit, das die Beziehungsebene zugleich zerstört?
Vertrauen folgt einer ganz anderen Bewegung. Es ist kein Besitz, den man einmal hat. Es ist keine Garantie. Vertrauen ist ein Sprung. Es heißt: Ich weiß, dass du anders handeln könntest – und doch entscheide ich mich, dir zu glauben, dich einzubeziehen, dir Spielraum zu lassen.
Vertrauen ist verletzlich. Es kann enttäuscht werden. Es ist riskant. Aber ohne Vertrauen gibt es keine Resonanz. Ohne Resonanz keine Beziehung. Und ohne Beziehung keine Möglichkeit, gemeinsam Zukunft zu gestalten.
In der Mediation ist Vertrauen deshalb nicht einfach eine nette Zugabe, sondern die eigentliche Ressource. Mediator:innen selbst können es nicht herstellen wie ein Produkt. Aber sie können Verfahren schaffen, in denen Vertrauen möglich wird: durch Transparenz, durch Allparteilichkeit, durch die Erfahrung, dass der Raum hält.
Das bedeutet nicht, blind zu vertrauen. Es bedeutet, Vertrauen als prozessuale Ressource ernst zu nehmen. Misstrauen prüft und grenzt ein. Vertrauen öffnet und trägt.
Vertrauen ist kein Zustand, sondern eine Bewegung – ein leises Einverständnis mit der Unsicherheit.
Eng mit Vertrauen verbunden ist Kontingenz. Das sperrige Wort beschreibt etwas sehr Einfaches: Alles könnte auch anders sein. Jede Aussage, jede Handlung ist nicht zwangsläufig, sondern wählbar.
Misstrauenslogik will diese Offenheit nicht ertragen. Sie will Gewissheit: wahr oder falsch, ehrlich oder gelogen. Sie will Kontingenz auslöschen, indem sie jede Regung analysiert und entscheidet: zuverlässig oder verdächtig.
Doch Mediation arbeitet gerade mit dieser Offenheit. Sie hält Kontingenz aus. Sie schafft Räume, in denen verschiedene Deutungen nebeneinander stehen dürfen, ohne sofort aufgelöst werden zu müssen. In diesem Aushalten entsteht Freiheit: Menschen können sich zeigen, ohne sofort rechtfertigen zu müssen. Sie können ihre Sicht auf die Dinge entfalten, auch wenn sie widersprüchlich, bruchstückhaft oder tastend ist.
Kontingenz wird so nicht zur Bedrohung, sondern zur Ressource. Denn dort, wo mehrere Deutungen nebeneinander existieren dürfen, wird Neues möglich. Lösungen, die vorher nicht sichtbar waren, können entstehen. Perspektiven, die im engen Raster von „wahr oder falsch“ unsichtbar geblieben wären, treten hervor.
Gerade hier liegt eine zentrale Kompetenz der Mediation: die Fähigkeit, Kontingenz nicht zu tilgen, sondern zu halten.
Doch Vertrauen und Kontingenz wären nichts ohne die Anerkennung der Vulnerabilität. Vertrauen ist immer verletzlich. Wer vertraut, öffnet sich. Wer vertraut, macht sich angreifbar. Wer in einer Mediation spricht, legt etwas von sich frei, das auch enttäuscht werden könnte.
Auch Mediator:innen selbst sind nicht unverwundbar. Sie spüren, wie Projektionen wirken, wie eigene Unsicherheiten anklingen, wie die Spannung im Raum sie selbst erreicht. Professionelle Verantwortung bedeutet hier nicht, sich unverwundbar zu machen, sondern diese Verletzlichkeit bewusst zu halten – und den Raum so zu gestalten, dass sie nicht missbraucht wird.
Vulnerabilität ist kein Makel, sondern die Bedingung für Resonanz. Nur wer verletzlich ist, kann überhaupt in Beziehung treten. Nur wer verletzlich ist, kann Vertrauen schenken. Mediation heißt, diese Verletzlichkeit nicht zu kaschieren oder auszunutzen, sondern sie zu schützen – durch Struktur, durch Verfahren, durch klare Rahmung.
Gerade dort, wo Kontrolle herrscht, braucht Vertrauen seine stärksten Strukturen.
In der Wirtschaftsmediation tritt all dies mit besonderer Schärfe zutage. Denn die Logik der Wirtschaft ist zu einem großen Teil eine Logik des Risikomanagements. Verträge sichern ab, Controlling prüft, Compliance überwacht. Entscheidungen werden auf Zahlen und Fakten gestützt, Unsicherheit soll minimiert werden.
Diese Kontrolllogik ist notwendig – ohne sie könnte kein Unternehmen bestehen. Aber sie reicht nicht, wenn es um Konflikte geht, die Beziehungsebenen berühren. Genau dort braucht es Mediation.
Man darf hier die Felder nicht verwechseln. Die in solchen Vorträgen eingesetzten Methoden – Profiling, kriminalistische Lügenanalyse, True-Crime-Szenarien, Terrorprävention – gehören in den Kontext des Strafrechts. Dort, wo Schuld und Unschuld, Wahrheit und Täuschung über Strafen entscheiden, haben sie ihre Funktion und Legitimität.
Die Wirtschaftsmediation bewegt sich jedoch in einem anderen Rechtsraum: im Zivilrecht. Hier geht es nicht um die Frage, ob jemand strafbar lügt, sondern um die Verständigung zwischen Parteien, die weiterhin in Beziehung stehen – Gesellschafter:innen, Geschäftspartner:innen, Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen. Das Ziel ist nicht Entlarvung, sondern Zukunftsfähigkeit.
Mediation in der Wirtschaft ist deshalb kein Tribunal, das Schuld zuweist, sondern ein Verfahren, das Beziehung und Zusammenarbeit wieder möglich macht. Sie lebt nicht von der Logik der Täuschungsaufdeckung, sondern von der Kunst, Resonanzräume zu gestalten, in denen Vertrauen entstehen kann.
Wirtschaftsmediation, die Misstrauen zur Methode erhebt, verliert ihre Kraft. Wirtschaftsmediation, die Vertrauen ermöglicht, eröffnet Gestaltungsspielräume, die kein Vertrag und keine Kontrolle je ersetzen können.
Vergleichen wir die kriminalistische Logik der Täuschungsentlarvung und die dialogische Logik der Mediation, wird die Differenz unübersehbar. Dort geht es um Schuld und Wahrheit, hier um Beziehung und Zukunft. Dort geht es um das Aufdecken, hier um das Öffnen.
Die Frage für die Mediation lautet - in meinem Verständnis - deshalb nicht: „Wie erkenne ich Lügen?“ Die Frage lautet: „Wie schaffe ich Verfahren, in denen Lügen überflüssig werden?“ Wie ermögliche ich, dass Menschen ihre Geschichten zeigen können – auch wenn sie fragmentarisch, tastend, widersprüchlich sind? Wie baue ich Räume, in denen Vertrauen nicht durch Kontrolle ersetzt, sondern durch Erfahrung genährt wird?
Das ist nicht naiv. Es ist nicht blind. Es ist die bewusste Entscheidung, Misstrauen nicht zum Grundprinzip zu machen.
So gesehen, sind Vorträge, die sich an der Logik der Entlarvung orientieren, vielleicht unterhaltsam, vielleicht auch für bestimmte Kontexte sinnvoll. Aber sie dürfen nicht zum Bild werden, das unsere Profession prägt.
Denn was wir nähren, das wächst. Wenn Mediation als Technik des Verdachts verstanden wird, verlieren wir den Kern. Wenn sie als Kunst verstanden wird, Resonanzräume zu öffnen, dann entfaltet sie ihre eigentliche Wirkung.
Am Ende geht es um eine Wahl:
Wollen wir Misstrauen kultivieren – oder Vertrauen?
Wollen wir Räume enger machen – oder öffnen?
Wollen wir die Sehnsucht nach Sicherheit füttern – oder die Fähigkeit zur Begegnung stärken?
Vertrauen ist kein Gegenpol zum Misstrauen. Es ist ein anderes Weltverhältnis. Misstrauen schärft und verengt. Vertrauen öffnet und trägt.
Mediation wählt diesen Weg bewusst. Sie weiß, dass Vertrauen riskant ist. Sie weiß, dass Enttäuschung möglich ist. Und dennoch entscheidet sie sich für Resonanz.
Denn nur dort, wo Vertrauen wächst, wo Kontingenz gehalten wird, wo Vulnerabilität geschützt ist, kann Mediation ihre eigentliche Kraft entfalten – auch und gerade in der Wirtschaft.
Und so bleibt am Ende eine leise, klare Summe:
Wo Misstrauen schärft, verengt sich der Raum. Wo Resonanz trägt, entsteht Vertrauen – und nur dort kann Mediation ihre eigentliche Wirkung entfalten.