Wenn Macht spricht und Sprache verstummt
Über hegemoniale Ordnung und den Verlust politischer Resonanz
Dieser Text entsteht vor dem Hintergrund einer Welt, in der Gewalt wieder offen als ordnungspolitisches Instrument erscheint.
Hegemoniale Macht beginnt selten mit Gewalt. Sie beginnt mit einem Sprechen, das keine Antwort mehr erwartet. Mit Setzungen, die nicht als Vorschläge auftreten, sondern als Tatsachen. Mit Entscheidungen, die nicht begründet, sondern vollzogen werden. Gewalt tritt meist dort hinzu, wo diese Setzungen nicht mehr als selbstverständlich hingenommen werden. Sie ist weniger Ursprung hegemonialer Ordnung als deren Symptom, wenn Zustimmung durch Gewöhnung nicht mehr ausreicht.
In diesem Moment verändert sich die politische Grammatik. Sprache verliert ihre dialogische Funktion und wird zum Instrument der Setzung. Begriffe wie Ordnung, Sicherheit oder Stabilität treten an die Stelle von Begründung und Abwägung. Nicht, weil sie überzeugender wären, sondern weil sie genügen. Wo Macht spricht, wird Sprache funktional. Wo sie funktional wird, verstummt sie als Medium politischer Resonanz.
Hegemoniale Ordnung entsteht nicht primär durch offene Unterdrückung, sondern durch die erfolgreiche Etablierung solcher Sprechakte. Sie organisiert Erwartung, reduziert Unsicherheit und erzeugt Vorhersehbarkeit. Gerade darin liegt ihre Attraktivität. Sie entlastet von der Mühsal politischer Aushandlung. Sie verspricht Übersicht in einer komplexen Welt. Doch diese Entlastung ist nicht folgenlos. Sie wird mit dem Verlust politischer Antwortfähigkeit erkauft.
Denn politische Ordnung lebt nicht von Durchsetzung allein. Sie lebt von der Möglichkeit, angesprochen zu werden und zu antworten. Von der Offenheit für Widerspruch. Von der Anerkennung, dass Macht erklärungsbedürftig bleibt – auch dann, wenn sie wirksam ist. Hegemoniale Macht suspendiert diese Offenheit selten durch unmittelbaren Zwang. Sie unterläuft sie durch Wiederholung, durch Normalisierung, durch den schleichenden Übergang von der Ausnahme zur Praxis.
In diesem Prozess verschiebt sich die Rolle der Polis. Öffentlichkeit wird zum Beobachtungsraum. Politische Subjekte erleben sich zunehmend als Zuschauer eines Geschehens, das sie betrifft, ohne dass es ihrer Stimme bedarf. Sprache zirkuliert weiterhin, doch sie verliert ihre adressierende Qualität. Sie kommentiert, bewertet, empört sich – ohne noch zu unterbrechen. Resonanz wird durch Reaktion ersetzt.
Der Verlust politischer Resonanz ist dabei kein moralisches Versagen einzelner Akteure, sondern eine strukturelle Folge hegemonialer Ordnung. Wo Macht sich selbst legitimiert, wird Sprache überflüssig. Wo Sprache überflüssig wird, verliert die Gemeinschaft ihre Fähigkeit zur Selbstbefragung. Nicht Gewalt zerstört die Polis, sondern die Abwesenheit von Gegensprache. Die eigentliche Erosion vollzieht sich leise.
Besonders trügerisch ist dabei der Eindruck von Stabilität. Hegemoniale Ordnungen erscheinen ruhig, effizient, kontrolliert. Konflikte werden nicht ausgetragen, sondern verwaltet. Entscheidungen fallen schnell, Alternativen verschwinden aus dem Blick. Doch diese Ruhe ist keine Befriedung. Sie ist die Stille nach der Setzung. Eine Stille, in der politische Differenz nicht mehr artikuliert, sondern nur noch registriert wird.
Haltung zeigt sich unter solchen Bedingungen nicht im Ruf nach moralischer Reinheit, sondern in der beharrlichen Weigerung, Wirksamkeit mit Legitimität zu verwechseln. Sie besteht darauf, dass Macht nicht nur handeln, sondern sich erklären muss. Nicht, um sie zu delegitimieren, sondern um die Sprache der Polis offen zu halten.
Resonanz ist in diesem Sinne keine sentimentale Gegenfigur zur Macht, sondern ihre notwendige Irritation. Sie unterbricht die Selbstgenügsamkeit hegemonialer Ordnung. Sie hält politische Prozesse ansprechbar. Wo Resonanz verschwindet, wird Macht taub – und verliert damit ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur.
Wenn Macht spricht und Sprache verstummt, ist das kein spektakulärer Bruch. Es ist ein schleichender Verlust. Die politische Gemeinschaft bemerkt ihn oft erst, wenn sie sich selbst nicht mehr hört. Die Wiedergewinnung politischer Resonanz beginnt daher nicht mit Gegenmacht, sondern mit der Wiederaneignung von Sprache – als Ort der Antwort, nicht der Bestätigung.