Warum wir Konflikte nicht lösen, sondern austragen müssen

Warum wir Konflikte nicht lösen, sondern austragen müssen

Der Text lädt dazu ein, Konflikt neu zu betrachten: nicht als Gegner, sondern als Hinweis. Entscheidend ist nicht der Konflikt selbst, sondern die Dynamik, in die er gerät – und die Frage, ob Austragen möglich wird.

In konflikthaften Situationen wird schnell klar, wer der Gegner ist.
Oder besser: wer dafür gehalten wird.

Der Konflikt selbst steht unter Verdacht. Er gilt als Störung, als Gefahr, als etwas, das möglichst rasch beseitigt werden muss. „So können wir nicht weitermachen“, heißt es dann. „Das muss jetzt geklärt werden.“ Der Wunsch nach Lösung erscheint als Ausdruck von Vernunft, Verantwortung, Reife.

Und doch liegt hier ein grundlegendes Missverständnis.

Arist von Schlippe hat es in einen Satz gefasst, der so schlicht wie folgenreich ist:

Nicht der Konflikt ist der Gegner, sondern die Eskalation.

Dieser Satz verschiebt den Blick. Er entlastet den Konflikt – und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Dynamik, in die er geraten kann. Denn Konflikte sind unvermeidlich. Eskalationen nicht.

Konflikt als Normalfall sozialer Systeme

Wo Menschen zusammenarbeiten, zusammenleben, Verantwortung teilen oder über Generationen hinweg verbunden sind, entstehen Spannungen. Unterschiedliche Perspektiven, Erwartungen, Loyalitäten und Interessen treffen aufeinander. Das ist kein Defizit, sondern der Normalfall sozialer Systeme.

Konflikte zeigen an, dass Differenzen existieren, die nicht mehr überdeckt werden können. Sie sind damit kein Zeichen von Versagen, sondern ein Hinweis auf Veränderungsbedarf. Etwas trägt nicht mehr – oder nicht mehr für alle gleichermaßen.

Problematisch wird der Konflikt nicht durch seine Existenz, sondern durch seine Bewegungsform. Genau hier setzt die Unterscheidung von Schlippe an.

Eskalation: Wenn der Konflikt das Steuer übernimmt

Eskalation beginnt nicht mit Lautstärke.
Sie beginnt mit Beschleunigung.

Positionen verhärten sich, Deutungen verengen sich, Handlungsdruck entsteht. Der Konflikt gewinnt Tempo, und mit dem Tempo schwindet die Fähigkeit zur Differenzierung. Freund–Feind-Logiken treten an die Stelle von Ambivalenz. Komplexität wird reduziert, um handlungsfähig zu bleiben.

Eskalation ist damit kein Mehr an Konflikt, sondern ein Weniger an Raum.
Weniger Zeit. Weniger Perspektiven. Weniger Möglichkeiten, innezuhalten.

Der Konflikt wird gefährlich, weil er nicht mehr bearbeitet wird, sondern das System treibt. Er bestimmt, was gesagt werden darf, was noch gehört wird und welche Lösungen überhaupt denkbar erscheinen.

Die Verführung der Lösung

In eskalationsgefährdeten Situationen wächst der Ruf nach Lösungen. Entscheidungen sollen Klarheit schaffen, Vereinbarungen Ruhe herstellen, Strukturen Ordnung garantieren. Die Lösung erscheint als Ausweg aus der Überforderung.

Doch viele Lösungen kommen zu früh.

Sie setzen voraus, dass klar ist, worum es geht. Dass Interessen benennbar, Ziele vergleichbar, Optionen bewertbar sind. Diese Voraussetzungen sind in vielen Konflikten gerade nicht gegeben – insbesondere dort, wo es um Übergänge geht: um Nachfolge, Machtverschiebung, Rollenwandel, Abschied und Neubeginn.

Hier ist der Konflikt kein Problem, das gelöst werden könnte.
Er ist Ausdruck eines Prozesses, der noch nicht abgeschlossen ist.

Wer in solchen Situationen löst, ohne auszutragen, produziert oft keine Klarheit, sondern verdeckte Eskalation. Der Druck verschwindet nicht – er verlagert sich.

Austragen als Gegenbewegung zur Eskalation

Austragen ist die bewusste Gegenbewegung zur Eskalation.

Während Eskalation beschleunigt, verlangsamt Austragen.
Während Eskalation vereinfacht, differenziert Austragen.
Während Eskalation nach Abschluss drängt, hält Austragen offen.

Austragen heißt nicht, den Konflikt zu verschärfen.
Es heißt, ihm Raum zu geben, ohne ihm die Führung zu überlassen.

Das erfordert eine Haltung, die im modernen Organisations- und Familienleben ungewohnt ist: die Bereitschaft, Zeit zu investieren, ohne sofortige Ergebnisgarantie. Spannung auszuhalten, ohne sie moralisch aufzuladen. Unterschiedlichkeit stehen zu lassen, ohne sie sofort synthetisieren zu müssen.

Was im Austrag sichtbar wird

In gut begleiteten Austragsprozessen zeigt sich immer wieder dasselbe Phänomen:
Die Beteiligten streiten nicht über dasselbe.

Was als Sachfrage erscheint, erweist sich als Bündel unterschiedlicher Anliegen. Der Konflikt wird zur Bühne für Themen, die lange keinen Ort hatten: Anerkennung und Kränkung, Loyalität und Ablösung, Verantwortung und Erschöpfung.

Diese Themen lassen sich nicht verhandeln wie Preise oder Zuständigkeiten.
Sie müssen zunächst gesehen werden.

Erst im Austrag wird deutlich, welche Differenzen tatsächlich bestehen – und welche nur Stellvertreter sind. Austragen schafft damit keine Harmonie, aber Orientierung.

Zeit als zentrale Ressource

Ein zentraler Unterschied zwischen Eskalation und Austragen liegt in der Zeitform.

Eskalation verdichtet Zeit. Sie erzeugt Dringlichkeit, Handlungszwang, Entscheidungsdruck. Austragen dehnt Zeit. Es schafft Pausen, Übergänge, Zwischenräume.

Diese Verlangsamung wird oft als ineffizient erlebt. In Wahrheit ist sie eine Investition in die Zukunftsfähigkeit des Systems. Entscheidungen, die ohne Austrag getroffen werden, sind häufig formal korrekt, aber innerlich nicht anschlussfähig. Sie werden akzeptiert, aber nicht getragen.

Der Konflikt kehrt zurück – nicht trotz der Lösung, sondern wegen ihr.

Verantwortung neu denken

In vielen Kontexten wird Verantwortung mit Entscheidungsfähigkeit gleichgesetzt. Wer verantwortlich ist, soll wissen, was zu tun ist, und den Mut haben, es durchzusetzen.

Doch in konflikthaften Übergangssituationen besteht Verantwortung oft nicht darin, schnell zu entscheiden, sondern darin, noch nicht zu entscheiden. Eskalation zu verhindern, indem man dem Konflikt Raum gibt, statt ihn zu unterdrücken oder zu überformen.

Nicht der Konflikt ist der Gegner – also ist es auch nicht verantwortungslos, ihn zuzulassen. Verantwortungslos ist es, Eskalation zuzulassen, weil man den Konflikt nicht aushält.

Austragen braucht Struktur

Austragen ist kein freier Lauf der Emotionen.
Ohne Struktur kippt es in Eskalation.

Es braucht klare Gesprächsräume, explizite Regeln, eine Haltung der Allparteilichkeit. Vor allem aber braucht es die Bereitschaft, nicht recht haben zu müssen.

Wo diese Bedingungen erfüllt sind, verliert der Konflikt seine destruktive Kraft. Er bleibt anstrengend, aber er wird steuerbar. Er gehört wieder dem System – nicht umgekehrt.

Lösungen, die warten dürfen

Austragen ist kein Selbstzweck.
Es ist auch kein Ersatz für Entscheidungen.

Aber es verändert ihre Qualität.

Nach einem echten Austrag sind Lösungen nicht mehr bloße Antworten auf ein Problem, sondern nächste Schritte in einem verstandenen Prozess. Sie müssen nicht perfekt sein, aber sie sind anschlussfähig, weil sie auf Klarheit beruhen – nicht auf Verdrängung.

Schluss

Konflikte sind unvermeidlich.
Eskalationen sind es nicht.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Inhalt des Streits, sondern in seiner Dynamik. Nicht im Ob, sondern im Wie.

Oder mit Arist von Schlippe gesprochen:

Nicht der Konflikt ist der Gegner, sondern die Eskalation.

Austragen heißt, dem Konflikt Raum zu geben, damit er nicht beschleunigt.
Es heißt, Verantwortung zu übernehmen, bevor Entscheidungen möglich sind.
Und es heißt, dort zu bleiben, wo wir am liebsten schon weiter wären.