Mediation schafft keinen Sinn
Über das Finden, nicht das Suchen – eine phänomenologische Annäherung
Mediation schafft keinen Sinn — sie schafft Bedingungen, unter denen Sinn sich finden lässt.
Dieser Satz widerspricht zunächst gängigen Erwartungen. In einer Welt, die auf Effizienz, Lösungen und Ergebnisse ausgerichtet ist, scheint Mediation oft als Verfahren verstanden zu werden, das Sinn herstellen soll: Sinn im Konflikt, Sinn in widersprüchlichen Perspektiven, Sinn als Voraussetzung für Einigung. Doch wer mediierend arbeitet, kennt jene Momente, in denen sich zeigt, dass Sinn nicht gemacht werden kann. Er entzieht sich dem Zugriff. Er erscheint nicht auf Bestellung. Und doch ist er plötzlich da — unverfügbar, aber wirksam.
Mediation beginnt nicht mit dem Suchen. Sie beginnt mit dem Halten.
Vom Halten des Raumes
Als Mediatorin betrete ich einen Raum, der bereits gefüllt ist: mit Geschichten, Verletzungen, Erwartungen, inneren Monologen. Dieser Raum ist selten ruhig. Oft ist er eng, gespannt, manchmal überhitzt. Meine Aufgabe besteht nicht darin, ihn sofort zu ordnen oder zu strukturieren, sondern ihn zunächst zu halten.
Raum halten ist keine Technik. Es ist eine Haltung. Eine Haltung des Dableibens. Des Nicht-Wissens. Der Bereitschaft, mich dem auszusetzen, was noch keinen Namen hat.
Im Halten entsteht etwas Paradoxes: Gerade weil ich nicht eingreife, nicht lenke, nicht sofort deute, beginnt sich der Raum zu verändern. Er wird durchlässiger. Weiter. Atmender. Nicht durch Intervention, sondern durch Präsenz.
Diese Präsenz ist kein neutrales Beobachten. Sie ist eine leiblich-affektive Teilnahme am Geschehen, ohne sich mit ihm zu identifizieren. Ich bin Teil des Raumes, und zugleich dessen Hüterin. Ich halte aus, was sich zeigt — auch das Unklare, das Widersprüchliche, das Unfertige.
Nicht verstehen müssen
In der Mediation gibt es Momente, in denen wenig verstanden wird. Und doch geschieht viel.
Ein Satz bleibt im Raum stehen. Ein Blick senkt sich. Eine Pause dehnt sich länger als gewohnt.
Nichts davon ist spektakulär. Und doch liegt in solchen Momenten eine eigentümliche Dichte. Sie entziehen sich der schnellen Einordnung. Wer sie vorschnell erklärt, verfehlt ihre Wirkung.
Hier zeigt sich ein phänomenologisches Grundmotiv: Bedeutung entsteht nicht zuerst im Denken, sondern im Erleben. Verstehen folgt dem Erleben — nicht umgekehrt. Mediation, so verstanden, ist kein Ort des sofortigen Sinnverstehens, sondern ein Ort des Sich-Aussetzens gegenüber dem, was sich zeigt.
Diese Haltung erinnert an das, was Arthur Rimbaud die „Entregelung der Sinne“ nannte: ein bewusstes Aussetzen gewohnter Ordnungen, um dem Unbekannten zu begegnen. Nicht als Verlust von Struktur, sondern als Öffnung für neue Wahrnehmung. In der Mediation bedeutet dies, vertraute Deutungsmuster für einen Moment ruhen zu lassen. Nicht um sie zu verwerfen, sondern um Raum für etwas Anderes zu schaffen.
Vom Finden der Fundstücke
Manchmal fallen im Prozess Kostbarkeiten an den Rand des Weges.
Sie werden nicht gesucht. Sie lassen sich nicht erzwingen. Sie erscheinen beiläufig. Ein Satz, der eigentlich nicht gesagt werden sollte. Ein Lachen an einer unerwarteten Stelle. Ein plötzliches Innehalten, das alle spüren.
Diese Fundstücke sind fragil. Ihre Wirkung liegt gerade darin, dass sie nicht funktional sind. Sie tragen noch keinen Sinn, der verwertbar wäre. Und doch verändern sie etwas im Raum. Sie verschieben die Atmosphäre. Sie öffnen eine andere Möglichkeit des Miteinanders.
Als Mediatorin ist es meine Aufgabe, diese Fundstücke wahrzunehmen — und sie nicht zu beschädigen. Sie nicht sofort zu benennen. Sie nicht zu instrumentalisieren. Manchmal genügt es, ihnen Raum zu lassen. Sie dürfen da sein, ohne Zweck.
Das Finden dieser Fundstücke ist kein aktiver Akt. Es geschieht, wenn der Raum weit genug geworden ist. Wenn das Suchen aufgehört hat.
Moments of Now
Daniel Stern beschreibt solche Augenblicke als Moments of Now: kurze, intensive Gegenwartsmomente, in denen sich Beziehung neu organisiert. Sie sind affektiv aufgeladen, noch nicht sprachlich integriert, aber von großer Wirkmächtigkeit. In der Mediation sind es oft genau diese Momente, in denen etwas kippt — nicht sichtbar, aber spürbar.
Noch ist nichts gelöst. Noch ist nichts geklärt. Und doch ist etwas anders geworden.
Wenn Mediandinnen und Mediatorin gemeinsam in diesem Moment bleiben — ohne ihn zu erklären, ohne ihn zu verlassen — kann daraus ein Moment of Meeting entstehen: ein geteilter Augenblick, der Beziehung verändert. Nicht durch Einsicht, sondern durch geteilte Erfahrung.
Hier erweitert sich der Raum. Nicht durch Argumente, sondern durch Resonanz.
Das Zwischen
Was in der Mediation entsteht, gehört keinem allein.
Es gehört nicht der einen Partei. Nicht der anderen. Nicht der Mediatorin.
Es entsteht im Zwischen.
Dieses Zwischen ist kein leerer Raum. Es ist ein relationaler Raum, in dem Bedeutungen noch nicht festgeschrieben sind. Ein Raum, der nur existiert, solange er geteilt wird. In ihm lösen sich starre Zuschreibungen für einen Moment auf. Nicht, weil sie widerlegt wurden, sondern weil sie ihre Selbstverständlichkeit verlieren.
Mediation, so verstanden, arbeitet nicht primär mit Inhalten, sondern mit Relationen. Sie verändert nicht, was gesagt wird, sondern wie es gesagt werden kann. Und manchmal auch, ob es überhaupt gesagt werden muss.
Die Versuchung der Lösung
Es ist verführerisch, diese Prozesse schnell in Lösungen zu überführen. Der Wunsch nach Abschluss, nach Ergebnis, nach „Erfolg“ ist verständlich — auch auf Seiten der Mediatorin. Doch nicht jeder Prozess, der sich öffnen lässt, will sofort geschlossen werden.
Manche Räume brauchen Zeit. Manche Erkenntnisse reifen im Nachgang. Manche Sinnzusammenhänge zeigen sich erst, wenn die Mediation längst beendet ist.
Mediation vertraut darauf, dass Sinn nicht produziert werden muss. Sie vertraut darauf, dass Menschen fähig sind, Bedeutung zu finden, wenn die Bedingungen stimmen. Diese Bedingungen sind weniger methodischer Natur als relationaler.
Präsenz statt Methode
Methoden sind wichtig. Sie geben Struktur, Sicherheit, Orientierung. Doch sie tragen nur, wenn sie von einer Haltung getragen werden, die Präsenz über Technik stellt. Präsenz meint hier nicht bloß Aufmerksamkeit, sondern eine leibliche, affektive Anwesenheit im Geschehen.
Präsenz heißt:
- das eigene Nicht-Wissen aushalten,
- die eigene Resonanz wahrnehmen,
- sich berühren lassen, ohne zu vereinnahmen.
In dieser Haltung wird die Mediatorin nicht zur Sinnproduzentin, sondern zur Hüterin eines Raumes, in dem Sinn auftauchen darf. Ein Raum, der tragfähig genug ist, um auch das Ungeklärte zu halten.
Schluss: Das Hüten des Unfertigen
Vielleicht ist genau das die professionelle Aufgabe der Mediation: Räume zu hüten, in denen etwas geschehen darf, bevor es verstanden wird.
Räume, in denen Menschen einander begegnen können, ohne sich sofort erklären zu müssen. Räume, in denen Fundstücke liegen bleiben dürfen, bis sie von selbst Bedeutung gewinnen. Räume, in denen Sinn nicht gesucht, sondern gefunden wird.
Mediation schafft keinen Sinn.
Sie schafft Bedingungen.
Und manchmal — nicht immer, nicht planbar — zeigt sich darin etwas, das trägt.