Die späte Ordnung
Zur Verortung der Themensammlung im Mediationsprozess
Welche Klärungsleistungen müssen erbracht sein, damit eine Themensammlung mehr ist als die Fixierung von Positionen?
Diese Frage steht nicht am Rand mediationspraktischer Überlegungen, sondern im Zentrum. Denn sie berührt eine Annahme, die in vielen Verfahren implizit bleibt: die Annahme darüber, wann ein Konflikt überhaupt benennbar ist. Themensammlungen gelten häufig als neutraler Ordnungsschritt, als pragmatische Voraussetzung für einen strukturierten Prozess. Doch Ordnung ist nie neutral. Sie ist immer Ausdruck dessen, was zuvor gesehen, gehört – oder übergangen wurde.
In vielen Mediationsverständnissen wird davon ausgegangen, dass Themen zu Beginn benannt werden können, weil die Beteiligten ihre Anliegen bereits kennen oder diese sich im Zuge der weiteren Bearbeitung entlang der Themen klären werden. Diese Logik ist in sich stimmig: Die Arbeit beginnt mit der Festlegung des Gegenstands, innere Klärung soll sich im Verlauf einstellen. Was dabei selten reflektiert wird, ist die Qualität der Themen, die unter diesen Voraussetzungen entstehen.
Denn Themen, die vor umfassender Klärung gesammelt werden, sind selten mehr als verdichtete Positionen. Sie tragen Bewertungen, Zuschreibungen und Schutzbewegungen in sich – nicht aus mangelnder Kooperationsbereitschaft, sondern weil den Beteiligten noch kein Raum gegeben wurde, ihre eigene Betroffenheit zu verstehen. In solchen Fällen fixiert die Themensammlung weniger den Konflikt als die jeweiligen Perspektiven auf ihn.
Erst wenn dieser Zusammenhang sichtbar wird, verschiebt sich der Blick. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr, wann Themen gesammelt werden sollten, sondern was zuvor geklärt sein muss, damit Themen nicht verteidigt, sondern bearbeitet werden können. Genau an dieser Stelle setzt das Ad_Monter Meta Modell an. Es unterscheidet nicht aus methodischer Vorliebe, sondern aus prozessualer Notwendigkeit zwischen der Klärung des Konfliktgegenstands und der Selbstklärung der Beteiligten. Die Themensammlung erscheint in dieser Logik nicht als Startpunkt, sondern als Übergang – als Ergebnis vorausgegangener Klärungsleistungen und zugleich als Prüfstein für deren Qualität.
Wo Themen offen formuliert werden können, ohne sofort verteidigt werden zu müssen, hat Verstehen bereits stattgefunden. Wo sie verhärten, ist dies weniger ein Zeichen mangelnder Kooperationsbereitschaft als ein Hinweis auf noch ausstehende Klärung.
Ordnung vor dem Verstehen
In vielen Mediationsansätzen gilt die frühe Themensammlung als Ausdruck professioneller Struktur. Gleich zu Beginn werden Themen benannt, geordnet, visualisiert. Das Flipchart füllt sich rasch, und mit ihm entsteht das Gefühl, der Prozess habe nun einen Rahmen. Ordnung signalisiert Sicherheit. Sie vermittelt, dass das Geschehen handhabbar ist.
Was dabei oft übersehen wird: Diese Ordnung entsteht zu einem Zeitpunkt, an dem noch kaum verstanden ist, worum es im Konflikt eigentlich geht – und noch weniger, was er innerlich mit den Beteiligten macht.
Früh gesammelte Themen sind selten neutral. Sie tragen Bedeutungen, Zuschreibungen und Erwartungen in sich, die aus ungeklärten Perspektiven hervorgehen. Begriffe wie „Kommunikationsprobleme“, „fehlende Wertschätzung“ oder „unklare Zuständigkeiten“ wirken sachlich, sind jedoch bereits verdichtete Positionen. Sie bündeln Bewertungen, ohne sie offenzulegen. Sie benennen Symptome, ohne deren innere Resonanzräume zu erkunden.
Die frühe Themensammlung verschiebt den Prozess damit von Beginn an in eine argumentative Logik. Themen werden benannt, bevor sie verstanden sind, und müssen daher verteidigt werden. Das Gespräch orientiert sich an Kategorien, nicht an Wahrnehmung. Selbstklärung findet – wenn überhaupt – nur indirekt statt, im Schatten einer vermeintlichen Sachlichkeit.
Auffällig ist zudem, wem diese frühe Ordnung dient. Sie beruhigt vor allem den Raum der Prozessleitung. Die sichtbare Struktur vermittelt Kontrolle, Fortschritt, Professionalität. Für die Beteiligten hingegen entsteht nicht selten ein subtiler Anpassungsdruck: Das, was noch widersprüchlich, emotional oder ungeformt ist, findet schwerer Platz, sobald Themen bereits fixiert sind.
So konserviert die frühe Themensammlung häufig genau das, was später mühsam gelöst werden soll. Sie stabilisiert Positionen, bevor die dahinterliegenden Betroffenheiten sichtbar werden konnten. Ordnung entsteht – aber sie ist fragil.
Verstehen als Weg
Das Ad_Monter Meta Modell (A_MMM) setzt an einer anderen Stelle an. Es versteht Verstehen nicht als punktuelle Leistung, sondern als Weg. Und dieser Weg ist bewusst zweistufig angelegt.
Im Feld c-it¹ wird der Konfliktgegenstand geklärt. Die Beteiligten bringen ihre Sichtweisen ein: ihre Deutungen, Bewertungen, Erwartungen und Zuschreibungen. Die leitende Frage lautet hier: Wie verstehe ich den Konflikt? Es geht um narrative Ordnung, nicht um Einigung. Um Sichtbarmachung, nicht um Bewertung.
Doch dieses Verstehen bleibt unvollständig, solange es an der Oberfläche der Argumente verharrt. Deshalb folgt im A_MMM konsequent der Schritt der Selbstklärung (c-me). Hier richtet sich der Blick nach innen. Nicht im Sinne therapeutischer Vertiefung, sondern als bewusste Wahrnehmung innerer Resonanz: Welche persönliche Betroffenheit löst dieser Konflikt aus? Wo entsteht Spannung? Wo Rückzug, Ärger, Überforderung oder Kränkung?
Diese Selbstklärung ist kein Zusatz, sondern eine notwendige Vertiefung des Verstehens. Denn ungeklärte Betroffenheit verschwindet nicht. Sie spricht – durch Worte, durch Themen, durch Widerstände. Wo sie keinen eigenen Ort bekommt, sucht sie sich Stellvertreter.
Warum Themen Selbstklärung brauchen
Ohne Selbstklärung werden Themen zu Trägern innerer Spannung. Sie übernehmen Funktionen, die ihnen nicht zukommen sollten: Sie schützen, sie rechtfertigen, sie attackieren. In solchen Fällen geht es im weiteren Prozess weniger um die Bearbeitung von Themen als um deren Verteidigung.
Erst die Selbstklärung verändert die Qualität dessen, was benannt werden kann. Sie löst Themen aus ihrer Funktion als Schutzschilde und macht sie zu gemeinsamen Arbeitsgegenständen. Nicht weil Emotionen verschwinden, sondern weil sie wahrgenommen wurden. Nicht weil Einigkeit herrscht, sondern weil die innere Lautstärke abgenommen hat.
Im A_MMM wird daher bewusst auf Ordnung verzichtet, solange sie mehr verdeckt als klärt. Diese Zurückhaltung ist kein Mangel an Struktur, sondern Ausdruck professioneller Geduld. Ordnung wird nicht verweigert – sie wird aufgeschoben.
Die Themensammlung als Übergang
An dieser Stelle gewinnt die Themensammlung ihre eigentliche Bedeutung. Sie markiert im Ad_Monter Meta Modell keinen Beginn, sondern einen Übergang: vom Verstehen zur weiteren Prozessgestaltung.
Bis hierhin ist viel geschehen, ohne dass etwas festgelegt wurde. Perspektiven wurden entfaltet, Betroffenheiten benannt, innere Bewegungen zugelassen. Erst jetzt entsteht der Raum, in dem Themen nicht mehr verteidigt werden müssen.
Die Themensammlung ist in diesem Sinn keine neutrale Ordnungshandlung, sondern eine Verdichtungsleistung. Sie fasst nicht einfach zusammen, was gesagt wurde, sondern spiegelt, was sich gezeigt hat. Der Mediator agiert hier nicht als Protokollant, sondern als diagnostischer Beobachter zweiter Ordnung. Die formulierten Themen sind keine Feststellungen, sondern vorläufige Verdichtungen des bisher Gehörten.
Entscheidend ist ihr Charakter: Themen werden mit Empfehlungscharakter eingebracht. Sie beanspruchen keine Gültigkeit aus sich selbst heraus, sondern laden zur Korrektur ein. Die Beteiligten prüfen, ob sie sich in den Formulierungen wiederfinden, ob etwas fehlt, ob etwas zu eng oder zu weit gefasst ist. Erst aus diesem gemeinsamen Abgleich entsteht eine Prozessagenda.
Die Agenda als lebendiges Artefakt
Die so entstehende Agenda ist kein Vertrag und kein Fahrplan. Sie ist eine Arbeitsübersicht – eine Landkarte auf Zeit. Sie darf sich verändern, weil sie nicht festlegt, was entschieden wird, sondern nur, worauf sich die gemeinsame Aufmerksamkeit richtet.
Gerade diese Vorläufigkeit macht sie tragfähig. Eine Agenda, die sich nicht mehr ändern darf, ist ein Zeichen dafür, dass der Prozess aufgehört hat zuzuhören. Im A_MMM bleibt die Agenda offen, revidierbar und erweiterbar. Sie dient der Orientierung, nicht der Disziplinierung.
Auch sprachlich zeigt sich der Unterschied. Themen nach ausreichender Selbstklärung klingen anders. Sie verlieren an Schärfe, ohne an Klarheit zu verlieren. Aus Forderungen werden Fragestellungen, aus Zuschreibungen werden Spannungsfelder. Die Sprache wird dialogfähig.
Ordnung zur rechten Zeit
Am Ende steht keine Auflösung, sondern eine Haltung. Gute Ordnung kommt nicht zuerst – sie kommt zur rechten Zeit. Im Mediationsprozess ist sie kein Akt der Kontrolle, sondern ein Zeichen dafür, dass Verstehen bereits stattgefunden hat.
Die späte Themensammlung im Ad_Monter Meta Modell ist Ausdruck dieser Haltung. Sie vertraut darauf, dass Konflikte nicht durch frühe Strukturierung, sondern durch geduldiges Verstehen gestaltbar werden. Ordnung entsteht hier nicht trotzder inneren Komplexität, sondern aus ihr.
In einer Zeit, in der Prozesse oft beschleunigt, vereinfacht und formatiert werden, ist diese Zurückhaltung kein Rückschritt. Sie ist eine bewusste Entscheidung für Tiefe – und für eine Ordnung, die trägt, weil sie nicht erzwungen wurde.