Gehört und ungehört

Gehört und ungehört

Über Dissonanz, Hören und das, was im Konflikt sichtbar wird

Prolog – Resonanzraum

Manche Erfahrungen lassen sich nicht unmittelbar einordnen.

Sie entstehen in einem anderen Feld – nicht im Gespräch oder in der Arbeit mit Menschen, sondern an einem Ort, an dem zunächst nichts entschieden werden muss.

Und doch wirken sie zurück.

Ein Konzert kann ein solcher Ort sein.

Nicht, weil dort Lösungen entstehen. Sondern weil sich etwas zeigt, das in anderen Zusammenhängen oft verborgen bleibt.

Im Ad_Monter Meta Modell geht es um das, was zwischen Menschen geschieht, bevor es zur Entscheidung wird. Um das, was sich zeigt, wenn ein Gespräch nicht nur geführt, sondern gehört wird.

Die vier Felder der Admonter Raute beschreiben keine Inhalte. Sie beschreiben Bewegungen:

vom Gegenstand zur Selbstklärung,
von dort in die Begegnung,
und weiter in die Gestaltung.

Doch diese Bewegungen beginnen nicht mit einer Methode.

Sie beginnen mit einer Verschiebung im Wahrnehmen.

Mit der Fähigkeit, das zu hören, was noch keinen klaren Ausdruck gefunden hat.

Das, was sich nicht sofort einfügt.
Was irritiert.
Was stehen bleibt.

Vielleicht lässt sich diese Bewegung manchmal deutlicher in der Musik erfahren als im Gespräch.

Vielleicht braucht es einen anderen Raum, um zu bemerken, was im vertrauten Raum überhört wird.

Der folgende Text ist der Versuch, eine solche Erfahrung ernst zu nehmen.

Nicht als Beschreibung eines Konzerts. Sondern als Annäherung an die Frage, wie etwas hörbar wird, das zuvor keinen Ort hatte.

1. Einstieg – Die Dissonanz im Raum

Der Abend beginnt, wie man es erwartet.

Ein Ensemble der Alten Musik, vertraute Instrumente, eine gewisse Ruhe im Klang. Die ersten Töne fügen sich – fein, klar, fast durchsichtig. Man hört aufmerksam, aber auch in einer stillen Gewissheit:

Es wird sich ordnen.

Dann geschieht etwas.

Kein Bruch im äußeren Ablauf.
Keine sichtbare Irritation.
Und doch ein Moment, in dem das Gehör kurz innehält.

In der Stimme von Ian Bostridge erscheint ein Ton, der sich nicht einfügt.

Nicht falsch.
Nicht unsauber.
Aber auch nicht bereit, sich in das Gefüge zurückzuziehen.

Er bleibt.

Einen Augenblick länger, als man erwartet. Vielleicht nur einen Hauch. Aber lang genug, um die Ordnung des Hörens zu verschieben.

Was zuvor getragen hat, trägt nicht mehr in derselben Weise. Die Begleitung – zart, zurückgenommen – fängt diesen Ton nicht auf.

Sie lässt ihn stehen.

Und plötzlich geschieht etwas Merkwürdiges:

Die Dissonanz gehört nicht mehr nur zur Musik. Sie verlässt gewissermaßen die Partitur.

Sie steht im Raum.

Zwischen Stimme und Instrument.
Zwischen Bühne und Publikum.
Vielleicht auch zwischen den eigenen Erwartungen und dem, was tatsächlich zu hören ist.

Das Ohr sucht nach Auflösung. Nach einem nächsten Schritt, der erklärt, beruhigt, einordnet.

Doch dieser Schritt bleibt aus.

Und genau darin beginnt eine Verschiebung:

Nicht das gewohnte Verstehen, das auf Auflösung wartet – sondern ein anderes Hören, das den Ton stehen lässt.

2. Die Irritation – Hören wird unsicher

Dieses andere Hören bleibt nicht ohne Folgen.

Denn das Ohr ist gewohnt, sich zu orientieren. Es sucht nach Verbindungen, nach Übergängen, nach einer Ordnung, die sich bestätigt.

Was erklingt, soll sich fügen.

Eine Spannung entsteht – und wird gelöst.
Ein Ton weicht dem nächsten.
Ein Bruch findet seinen Ausgleich.

So lernt man zu hören.
Und so hört man meist, ohne es zu merken.

Doch hier geschieht das Gegenteil.

Der Ton bleibt stehen. Und mit ihm etwas, das sich nicht einordnen lässt.

Die Laute verstärkt diesen Eindruck.

Ihr Klang trägt nicht. Er legt sich nicht unter die Stimme, um sie zu stützen. Er bildet keinen Boden, auf dem sich etwas entwickeln könnte.

Stattdessen:

ein Zupfen,
ein kurzes Aufleuchten,
ein Verklingen, noch bevor sich etwas festsetzen kann.

Der Klang wirkt fragil. Fast zu leise für den Raum, den er füllen soll.

Und gerade darin verändert sich das Hören.

Was sonst selbstverständlich trägt, fehlt. Die gewohnte Sicherheit löst sich auf – nicht abrupt, sondern schleichend.

Das Ohr sucht weiter.
Aber es findet keinen festen Halt.

Es hört – und weiß nicht mehr genau, was es hört.

Ist es noch Musik?
Ist es schon Rede?
Oder etwas dazwischen, das sich den vertrauten Kategorien entzieht?

Vielleicht liegt die Irritation genau darin:

Dass das Gehör nicht mehr entscheiden kann, ob es folgen soll – oder stehen bleiben.

Und in diesem Zögern entsteht ein neuer Raum.

Ein Raum, in dem Hören nicht mehr nur Aufnahme ist, sondern Aufmerksamkeit.

3. Monteverdi – Die Wende zur Klangrede

Was in diesem Moment hörbar wird, ist kein Zufall.

Es gehört zu einem Bruch, der weit zurückliegt – an den Beginn des 17. Jahrhunderts.

Bis dahin folgt Musik einer Ordnung, die sich aus sich selbst heraus begründet. Die Stimmen sind aufeinander bezogen, die Harmonie ist Maßstab und Ziel zugleich.

Man hört, was sich fügt.

Diese Form hat man später prima pratica genannt – eine Praxis, in der die Ordnung der Töne das Maß vorgibt.

Auch der Text ist Teil dieses Gefüges. Er wird getragen, geformt, eingebettet.

Doch mit Claudio Monteverdi verschiebt sich dieses Verhältnis.

Nicht abrupt.
Nicht als vollständiger Bruch.
Aber deutlich genug, um das Hören zu verändern.

Mit ihm tritt eine zweite Praxis hinzu.

Seconda pratica – eine Musik, die dem Ausdruck folgt, auch wenn dafür die Ordnung durchbrochen werden muss.

Ein Satz steht am Anfang dieser Bewegung:

Die Rede ist die Herrin der Musik.

Damit kehrt sich etwas um.

Nicht mehr die Harmonie bestimmt, was gesagt werden kann. Sondern das, was gesagt werden will, bestimmt die Form der Musik.

Der Ausdruck erhält Vorrang.
Der Affekt darf sich zeigen.

Und wenn dafür die Ordnung verletzt werden muss, dann wird sie verletzt.

Dissonanzen erscheinen nicht mehr nur als Übergang. Sie werden zu Trägern von Bedeutung.

Sie dürfen stehen bleiben.

Nicht, weil sie unaufgelöst sind – sondern weil ihre Auflösung nicht das Ziel ist.

In ihnen spricht etwas.

Vielleicht ist es genau das, was im Konzert zu hören war.

Ein Ton, der sich nicht fügt.
Eine Spannung, die nicht eilig verschwindet.
Eine Stimme, die den Ausdruck nicht glättet.

Nicht als Effekt.
Nicht als stilistische Besonderheit.

Sondern als Konsequenz eines anderen Verständnisses von Musik.

Die Dissonanz gehört hier nicht mehr zur Ordnung der Töne.
Sie gehört zur Bewegung der Rede.

4. Das Ungehörige – Farina und die Klanggrenze

Doch es bleibt nicht bei der Dissonanz.

Als hätte sich der Raum des Hörens bereits verschoben, tritt eine zweite Ebene hinzu – eine, die noch deutlicher irritiert.

Die Instrumente beginnen zu sprechen.

Nicht in Linien, nicht in harmonischen Verläufen, sondern in Gesten, in Andeutungen, in beinahe körperlichen Lauten.

Ein Zittern – Il Tremulo.
Ein Pfeifen – Fifferino della Soldatesca.
Dann plötzlich: eine Katze.
Ein Hund.

Klänge, die man nicht erwartet.
Klänge, die sich kaum noch als Musik einordnen lassen.

Es wirkt spielerisch.
Und zugleich fast befremdlich.

Als würde die Musik etwas berühren, das außerhalb ihrer eigenen Ordnung liegt.

Die Grenze verschiebt sich.

Was zuvor ausgeschlossen war, tritt ein.
Das Geräuschhafte.
Das Groteske.
Das Alltägliche.

Nicht als Störung von außen – sondern als Teil des Ausdrucks.

Vielleicht geschieht hier etwas, das über die Dissonanz hinausgeht.

Nicht nur die Ordnung der Harmonie wird in Frage gestellt.
Sondern die Unterscheidung selbst:

zwischen Musik und Nicht-Musik.

Das Wort „ungehörig“ bekommt dabei eine eigentümliche Doppelbedeutung.

Es meint, was nicht passend ist.
Was sich nicht gehört.

Und zugleich:

das, was noch nie gehört wurde.

In diesen Klängen fallen beide Bedeutungen ineinander.

Das Ungehörige wird hörbar.

Nicht, weil es sich anpasst – sondern weil es zugelassen wird.

Und vielleicht ist es genau das, was diesen Moment so eigen macht:

Dass etwas erscheint,
das zuvor keinen Ort hatte.

5. Gehört und ungehört – der eigentliche Umschlag

Vieles an diesem Abend war hörbar.

Die Stimmen, die Instrumente, die Formen. Die Musik erfüllte den Raum, so wie Musik es tut. Sie wurde aufgenommen, verfolgt, verstanden – zumindest in dem Sinn, in dem man Musik gewöhnlich versteht.

Und doch blieb etwas davon zunächst an der Oberfläche.

Es wurde gehört,
aber nicht wirklich vernommen.

Erst in dem Moment, in dem die Ordnung ins Wanken geriet, änderte sich das.

Die Dissonanz, die stehen blieb.
Der Klang, der sich nicht einfügte.
Das Geräuschhafte, das sich nicht mehr als Musik erklären ließ.

Sie unterbrachen nicht nur den Fluss.
Sie veränderten die Qualität des Hörens.

Was zuvor selbstverständlich war, wurde fraglich.
Was zuvor eindeutig war, wurde offen.

Und genau darin liegt der Umschlag.

Nicht alles, was gehört wird, wird auch verstanden.
Und nicht alles, was verstanden wird, ist wirklich gehört.

Man kann einen Klang registrieren, ohne dass er etwas berührt.
Man kann einer Stimme folgen, ohne dass sie ankommt.

Vielleicht verläuft die entscheidende Grenze nicht zwischen Klang und Stille, sondern zwischen zwei Formen des Hörens:

Das eine nimmt auf.
Das andere lässt sich treffen.

Erst dort, wo etwas stört,
wo es sich nicht einfügt,
wo es nicht sofort aufgeht in dem, was man erwartet,

entsteht diese zweite Form.

Die Dissonanz markiert diesen Punkt.

Nicht, weil sie lauter wäre.
Nicht, weil sie auffälliger wäre.

Sondern weil sie sich entzieht.

Sie lässt sich nicht sofort einordnen. Und genau dadurch zwingt sie das Hören, innezuhalten.

Vielleicht beginnt Hören erst dort, wo das Ohr nicht mehr sicher ist.

Und vielleicht gilt das nicht nur für die Musik.

6. Übertragung – Konflikt als Dissonanzraum

Vielleicht lässt sich dieses Hören nicht auf die Musik beschränken.

Denn auch Gespräche folgen oft einer Ordnung.

Sie verlaufen entlang von Argumenten. Gedanken werden entwickelt, erwidert, eingeordnet. Ein Satz führt zum nächsten.

Man versteht sich – zumindest in dem Sinn, dass das Gesagte anschlussfähig bleibt.

Es fügt sich.

In diesem Sinne haben auch Gespräche ihre eigene prima pratica: eine Form der Verständigung, die auf Ordnung, Anschluss und Kohärenz beruht.

Doch manchmal geschieht etwas anderes.

Ein Satz fällt, der nicht vorbereitet ist.
Eine Emotion tritt hervor, die nicht eingebettet ist.
Ein Ton entsteht, der sich nicht in die Logik des Gesprächs einfügt.

Er bleibt stehen.

Wie eine Dissonanz.

Für einen Moment gerät das Gespräch aus dem Gleichgewicht. Das, was eben noch getragen hat, trägt nicht mehr in derselben Weise.

Der Impuls ist schnell da:

zu klären,
zu relativieren,
zu erklären.

Die Dissonanz zu lösen.

Doch vielleicht liegt genau hier eine andere Möglichkeit.

Nicht jede Irritation ist eine Störung.
Nicht jeder Bruch ein Fehler.

Manche Äußerungen entstehen nicht aus der Ordnung des Gesprächs, sondern aus dem, was in ihr keinen Platz gefunden hat.

Sie erscheinen unvermittelt.
Unvorbereitet.

Und gerade deshalb sind sie oft schwer zu hören.

Vielleicht sind es genau diese Momente, in denen etwas sichtbar wird, das zuvor nur im Hintergrund wirksam war.

Nicht als Argument.
Nicht als Position.

Sondern als Affekt.
Als Erfahrung.
Als etwas, das sich bislang nicht sagen ließ.

In der Sprache Monteverdis könnte man sagen:

Es ist die Dissonanz, die spricht.

Nicht, weil sie sich einfügt, sondern weil sie stehen bleibt.

Und vielleicht liegt darin eine leise Verschiebung im Verständnis von Konflikt.

Nicht als Störung eines geordneten Gesprächs, sondern als Raum, in dem etwas auftaucht, das bislang ungehört geblieben ist.

7. Der Raum – oder: die Rolle des Dritten

Was geschieht mit einer Dissonanz, wenn sie einmal im Raum steht?

Die naheliegende Bewegung ist schnell da.

Sie zu glätten.
Sie einzuordnen.
Ihr einen Platz zuzuweisen, damit das Gespräch weitergehen kann.

Die Ordnung wiederherzustellen.

Oft geschieht das fast unmerklich. Ein erklärender Satz. Eine Relativierung. Ein Übergang, der die Spannung aufnimmt und auflöst.

Und doch geht dabei etwas verloren.

Denn mit der Auflösung verschwindet auch das, was sich in der Dissonanz gezeigt hat.

Eine andere Möglichkeit wäre, sie stehen zu lassen.

Nicht als Provokation.
Nicht als Störung, die man hinnimmt.
Sondern als etwas, das noch nicht gesagt ist, obwohl es bereits hörbar wurde.

Das verlangt eine andere Form der Aufmerksamkeit.

Es verlangt einen Raum.

Einen Raum, der die Spannung nicht sofort beantwortet. Der sie nicht übersetzt, bevor sie sich zeigen konnte. Der nicht eilig versteht.

In diesem Raum verändert sich die Rolle dessen, der anwesend ist.

Nicht als jemand, der ordnet.
Nicht als jemand, der erklärt.

Sondern als jemand, der hört.

Der die Spannung hält,
ohne sie zu füllen.

Der wahrnimmt, was sich zeigt, ohne es sofort in Bedeutung zu überführen.

Vielleicht ist das die eigentliche Bewegung:

Dass die Dissonanz nicht bearbeitet wird, sondern gehört.

Und dass jemand da ist, der dieses Hören ermöglicht.

Nicht, indem er spricht,
sondern indem er den Raum hält,
in dem etwas hörbar bleiben darf.

8. Schluss – Rückkehr zum Konzert

Am Ende kehrt das Hören dorthin zurück, wo es begonnen hat.

Zur Stimme.
Zur Laute.

Zu einem Klang, der sich nicht aufdrängt, der nichts beweisen will, der nicht darauf zielt, vollständig zu sein.

Die Musik endet.
Aber sie schließt nichts.

Keine endgültige Auflösung.
Kein Gefühl, dass sich alles gefügt hat.

Eher das Gegenteil:

Etwas bleibt.

Ein Ton vielleicht.
Eine Spannung, die nicht ganz verschwunden ist.
Ein Eindruck, der sich nicht vollständig benennen lässt.

Die Stimme ist verklungen.
Die Laute ebenfalls.

Und doch ist der Raum nicht leer.

Er trägt noch etwas von dem, was nicht ganz gehört wurde – oder vielleicht: was erst begonnen hat, gehört zu werden.

Epilog

Vielleicht war es das,
was an diesem Abend zu hören war:

nicht nur Musik,

sondern die Möglichkeit,

dass auch das Ungehörte
einen Klang bekommt.

∿ Hörraum